Weibliche Fähigkeiten sind unsere große Chance

Die Journalistin und Buchautorin Isabell Prophet

Isabell Prophet

Die Journalistin und Buchautorin Isabell Prophet

Was ist das Geheimnis guter Führung? Es sind weibliche Fähigkeiten, schreibt Isabell Prophet in ihrem Buch Die Entdeckung des Glücks: Dein Leben fängt nicht erst nach der Arbeit an.

Ein Gastbeitrag von Isabell Prophet (Auszug aus dem Buch: Die Entdeckung des Glücks)

„Ich hab einen neuen Job“, sagte mir meine Freundin Katja am Telefon,  sie klingt etwas heiser dabei. Ich beiße die Zähne zusammen und nicke. Okay. Das kam unerwartet. Katja kündigte in der Firma, für die sie seit sieben Jahren arbeitete, bei der sie alles gelernt hatte, die der Platzhirsch ihrer Branche ist, bei der sie viele Freunde fand, Anerkennung, ihren Traumjob und ihre große Liebe(!). Ich nickte immer noch. „Aha“, sagte ich vorsichtig. Katja wartet ab, ich höre ein leicht zitterndes Atmen durchs Telefon. Ich kenne sie, sie kann es selbst gerade noch nicht glauben.

„Na?“, fragte ich. „Er hat mir nichts zu sagen“, sagte Katja, „hat seine Assistentin mir ausgerichtet und unseren Termin heute Mittag gecancelt“. Meine Augen quollen aus dem Gesicht, glaube ich, aber Katja sieht das ja nicht. „Und jetzt unterschreibe ich woanders.“ Ich nickte. Tja.

Deswegen hatte Katja ihren Chef sprechen wollen. Sie hatte ein neues Angebot, mehr Geld, mehr Verantwortung. Eigentlich wollte sie nicht gehen. Sie wollte die Spielregeln ihrer Arbeit neu verhandeln. Im Unternehmen war sie sozial vernetzt wie eine Spinne im Altbau-Dachboden und der Job war der Hammer. Nur Vertrauen von oben spürte sie keines, jeden Schritt musste sie absegnen lassen, jeden Schlenker ausdiskutieren. Statt Wertschätzung erlebte sie aus der Chefetage immer wieder die gleiche Vorsicht, mit der man ihr – Jahre zuvor – als Berufsanfängerin begegnet war.

Cover von "Die Entdeckung des Glücks"
Cover von “Die Entdeckung des Glücks”

Katja zog es durch. Sie unterschrieb den neuen Vertrag, engagierte sich weiter auf ihrer Position und kündigte erst, als es nötig wurde. Und dann war es ihr Chef, dem die Augen aus dem Gesicht quollen. Als ich dieses Buch schrieb, grassierte in meinem Freundeskreis der Kündigungsvirus und es hatte verdammt viel mit Empathie zu tun. Fehlender Empathie, um genau zu sein. Eine konnte das Führungsvakuum in ihrem Startup irgendwann nicht mehr ertragen. Einer hatte keine Lust mehr auf den Befehlston. Einer reichte es nach sechs Wochen in der neuen Firma, weil sie sich nicht wie eine Praktikantin behandeln lassen wollte, obwohl man sie als Expertin geholt hatte. Mehrere arbeiteten sich krank – das sind übrigens die, die am längsten durchhielten.

Der Psychologe Dacher Keltner von der Universität Berkeley hat neue Regeln für die Karriere aufgestellt. Machtlosigkeit, wie Katja sie empfunden hatte, formt einige seiner zentralen Prinzipien: „Machtlosigkeit heißt, permanent Bedrohungen vor Augen zu haben.“ Und: „Machtlosigkeit untergräbt die Fähigkeit der Einzelnen, zur Gesellschaft beizutragen. Machtlosigkeit macht krank.“

Dass es zu dieser Machtlosigkeit der unglücklichen Mitarbeiter überhaupt kommt, schiebt Keltner auf das „Macht-Paradox“: Macht erlangen jene Kollegen, die für das Wohl des ganzen Teams arbeiten, dazu gehört auch Empathie. Egoismus ist selten erfolgreich, und noch weniger werden jene Menschen befördert, die andere für ihren eigenen Erfolg hintergehen. Gruppen bestrafen ein solches Verhalten und fördern jene Kollegen, die der Sache dienen oder die Moral erhöhen. Jährlich beobachten lässt sich das in Reality-TV-Shows, sagen wir das Dschungelcamp oder Big Brother: Zunächst gibt es kaum Unterschiede in der Gruppe, doch schon bald bekommen Einzelne mehr Autorität verliehen. Begeisterung, Enthusiasmus, Fairness gehören zu den Eigenschaften, die in Teams funktionieren. Eigenschaften, die andere mitreißen. Die anderen hören ihnen zu, ihr Wort gilt, wenn es darum geht, Streit zu schlichten.

In einem Karrierekontext ist Macht oft mit einem formalen Aufstieg verbunden: Dem einflussreichen Kollegen wird eine Position gegeben, die diesen Einfluss durch Status untermauert. Die Kollegen von gestern sind heute plötzlich weisungsgebunden.

Doch wer Macht erlangt hat, der verliert seine Empathie oft, handelt eigennütziger, unhöflicher. Plötzlich stehen die Interessen der Anderen weit hinter den eigenen. So wird Kellner zufolge die Basis der Macht wieder verspielt und es entsteht das Paradox: Wer eingangs dem Team diente, der beutet es schließlich aus. Etwas, das wohl die wenigsten Menschen planen, wenn sie ihre Karriere durchdenken. Da läuft etwas schief. Aus einem gesellschaftlichen Einfluss wird plötzlich einer, der nur noch durch den beruflichen Status begründet ist. Das Team wendet sich ab, selbst wenn es nicht weg kann. Doch die Arbeitswelt hat sich verändert: Heute können Mitarbeiter weg, sie sind nicht mehr ihr Berufsleben lang an eine Entscheidung, eine Firma, einen Chef gekettet.

Frauen – und zunehmend auch Männer – kündigen keine Jobs. Sie kündigen Chefs. Gute Chefs wissen das zu verhindern. Schlechte Chefs brauchen wieder eine neue Katja.

Gute Chefs haben glückliche Mitarbeiter – und gesunde

Zweimal in meinem Berufsleben war ich so richtig heftig krank. Beide Male dauerte es zwei Monate, bis ich wieder richtig gesund war. Natürlich quälte ich mich zwischendurch zur Arbeit und sammelte wahrscheinlich schon auf dem Weg dorthin jede Menge U-Bahn-Bazillen ein, gegen die mein Fahrradverwöhntes Immunsystem keinerlei Abwehrkräfte hatte. Schonen half nix, hochmotiviert ins Büro fahren auch nicht. Ich war krank und nach jedem Anflug von Besserung wurde es wieder schlimmer.
Rückblickend kann ich sagen: Glücklich war ich in diesen Zeiten auch nicht gerade. Schlussendlich schrieb mich meine Hausärztin für drei Wochen krank und verordnete Entspannungstechniken und Spaziergänge.

Von Chefallergie steht im Katalog der anerkannten Krankheiten zwar nichts. Dennoch können Chefs etwas dafür tun, dass ihre Mitarbeiter gesund bleiben. Gute Chefs sein nämlich. Komischerweise werden bei manchen Chefs mehr Kollegen krank als bei anderen. Das muss gar nicht immer bedeuten, dass die Kollegen öfter blaumachen – oder die Mitarbeiter guter Chefs öfter krank ins Büro gehen. Möglicherweise gibt es einen tatsächlich messbaren Unterschied bei den Krankheiten: Gute Chefs haben gesunde Mitarbeiter, darauf deutet eine kleine Studie aus den USA hin. Das entscheidende Kriterium: die Empathie.

Die Angestellten der einfühlsameren Chefs waren glücklicher, wenn sie Ziele erreichten. Alles hing davon ab, ob ihre Chefs ihre Gefühle teilten; egal, ob positiv oder negativ. Ständig die Leistung der Abteilung hochzujubeln reicht also nicht: Führungskräfte brauchen ein Gefühl für die Stimmung ihrer Leute. Und wenn sie mit dieser Fähigkeit gute Laune erzeugen: Umso besser. Glückliche Mitarbeiter sind produktiver, produktive Mitarbeiter sind glücklicher. Wer sich seinem Chef näher fühlte, der profitierte emotional wie auch physisch davon. Wer dagegen über körperliche Beschwerden bei der Arbeit klagte, der kam auch langsamer voran, hatte weniger Erfolgserlebnisse. Und mit denen fehlt schon ein bedeutendes Glückselement. Es lohnt sich also, Zeit mit den Mitarbeitern zu verbringen, sie besser zu verstehen,
gemeinsame Werte zu suchen. Es dient der Gesundheit der Kollegen – und auch der Firma.

Über die Autorin: Isabell Prophet, geboren 1986, arbeitet als Journalistin. Sie studierte Wirtschaftswissenschaften, ehe sie bei der Celleschen Zeitung ein Volontariat absolvierte und die Henri-Nannen-Schule besuchte. Als freie Journalistin ist sie unter anderem für Spiegel Online, Spiegel Wissen, t3n.de und FAZnet tätig. Für Zeit Online baute Isabell das Online-Magazin ze.tt mit auf. Für die Multimedia-Reportage „Einsame Spitze“ beim Zeit-Magazin Online war sie für den Deutschen Reporter-Preis nominiert. Isabell Prophet lebt in Berlin.

Über das Buch: „Bist du glücklich mit deinem Job?“ Auf diese einfache Frage eine klare Antwort zu geben, fällt den meisten Menschen schwer. Gerade wenn es um den Beruf geht, schwanken wir oft zwischen Freude und Disziplin, Ehrgeiz und Überforderung. Doch glücklich sein kann man lernen – es hat uns nur noch niemand gezeigt, wie. Isabell Prophet analysiert und erklärt fundiert und unterhaltsam, welche Weichen wir stellen müssen, um glücklich in unserem Tun zu werden.

Mehr Infos gibt es auf der Verlagswebsite. Und kaufen kann man das Buch natürlich auf Amazon.

Ein Kommentar

  1. Empathische Chefs mit Vertrauenskultur haben zufriedene und gesunde Mitarbeiter – das passt auch zum meiner Erfahrung. Und ja – wir haben teilweise selbst in der Hand, wie glücklich wir im Beruf werden. Zum Macht-Paradox von Kellner: In streng hierarchischen Organisationen wird die oder der Empathische und informal Einflussreiche selten befördert. Eher landen Personen in Führungsrollen, die ihre Empathie auf den ranghöheren Chef beschränken. Vielen Dank für den Hinweis auf das Buch – schaue ich mir an.

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