Warum es (fast) keine Lohnlücke für die Wirtschaftslobby gibt

Nach Berechnungen des IW Köln ist die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen erklärbar – und deshalb nicht ungerecht.

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Nach Berechnungen des IW Köln ist die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen erklärbar – und deshalb nicht ungerecht.

Eine eklatante Lohnlücke zwischen Männern und Frauen? Die gibt es nicht in Deutschland. Jedenfalls nicht, wenn es nach dem Institut für Wirtschaft (IW) in Köln geht. Gesamtwirtschaftlich liege der Unterschied bei 3,8 Prozent, behauptet die Wirtschaftslobby. Wie kommen die Herren darauf?

Unter dem Titel “Lohnlücke: Der Staat muss nicht handeln” hat das wirtschaftsnahe Institut eine Pressemitteilung veröffentlicht, in der davon die Rede ist, dass ein Gesetz für Entgeltgleichheit nicht notwendig sei.

Zwar geben die Lobbyisten zu, dass Frauen in Deutschland “im Durchschnitt rund ein Fünftel weniger als Männer” verdienten und dies auch “einer der schlechtesten Werte in Europa” sei. Doch handele es sich hierbei nur um eine “oberflächliche Betrachtung”. Denn bei einer “genaueren Analyse” zeige sich: “Die Unterschiede beim Gehalt ergeben sich vor allem aus individuellen Entscheidungen.”

Alles rein private Entscheidungen

Aha. Dass Frauen weniger oft hohe Gehälter zugestanden werden, dass sie es sind, die in der Regel Teilzeit arbeiten, weil es um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf so mies bestellt ist, dass sie den überwiegenden Teil der Care-Arbeit verrichten, weil die Rollenbilder noch so klassisch festgefahren sind – das sind also alles “individuelle Entscheidungen”? Vornehmer ausgedrückt formuliert IW-Direktor Michael Hüther dies so: „Die Annahme, bei der Lohnlücke handele es sich um Diskriminierung durch die Unternehmen, ist unsachgemäß.“

Dass Frauen gerne Unsachlichkeit vorgeworfen wird, ist ja geradezu klassisch. Wenn es nach dem IW geht, bekommen Frauen deshalb weniger Gehalt, weil sie in den Branchen arbeiten, in denen eben schlechter bezahlt wird. Und dann auch noch in kleineren Betrieben. Das hätten andere IW-Studien längst bewiesen. Und dann fehlen Frauen ja noch in Führungspositionen und “arbeiten häufiger in Teilzeit als Männer. Die Entscheidungen über Karriere und Familie sind jedoch rein privat.”

Die Frauen sind selbst schuld

Hm. Das ist einleuchtend. Dass vielleicht die vermeintlich privaten Entscheidungen aufgrund von strukturellen (und möglicherweise sogar wirtschaftlich gewollten) Ungleichheiten getroffen werden, kann das IW natürlich nicht berücksichtigen. (Wäre vielleicht auch nicht sachlich.) Aber wenn man eben alle diese Parameter nüchtern und neutral berücksichtige, zeige sich, dass die “gesamtwirtschaftliche Lohnlücke” nur 6,6 Prozent betrage. “Einer der niedrigsten Werte in der EU. Besser schneiden nur Dänemark, Belgien, die Schweiz und die Niederlande ab”, teilt das IW fast euphorisch mit.

Und das Institut kann die Lohnlücke sogar noch kleiner rechnen. Zitat: “Werden weitere Faktoren wie die Berufserfahrung einbezogen, verkleinert sich die gesamtwirtschaftliche Lohnlücke in Deutschland auf rund 3,8 Prozent. Sie würde noch geringer ausfallen, wäre es möglich, unterschiedliches Verhalten in Gehaltsverhandlungen und abweichende Präferenzen zu berücksichtigen.”

Politik soll nicht handeln

Frei nach dem Motto: Die Frauen sind halt einfach auch ein bisschen selbst Schuld und sollen sich jetzt mal nicht so haben, kommt Hüther zu folgendem logischen Schluss: “Der Politik fehlt damit die entscheidende Begründung für das Lohngerechtigkeitsgesetz.”

Die Aussage ist den hart arbeitenden, oft unterbezahlten Frauen in Deutschland gegenüber, die sich zwischen Familie und Beruf abrackern und das Rückgrat dieser Wirtschaft stellen, eine bodenlose Unverschämtheit. Zum Glück gibt es wichtige Gegenstimmen.

Diskriminierung bleibt Diskriminierung – auch, wenn man sie erklären kann

“Wenn man Faktoren des Gender Pay Gaps erklären kann, sind diese ja nicht weniger diskriminierend, als Faktoren, die man nicht erklären kann”, sagt Henrike von Platen, Past-Präsidentin der Business and Professionell Women Germany (BPW) dazu. Der Verband hat ursprünglich den Equal Pay Day ins Leben gerufen und erinnert am heutigen 14. Juni daran, dass die tatsächliche Einkommenslücke zwischen Männern und Frauen noch viel größer ist – 43,5 Prozent sogar. “Solche diskriminierenden Faktoren sind auch nicht durch das Erklären verschwunden”, so von Platen. Im übrigen rechneten die Entscheider beim IW jedes Jahr den Gender Pay Gap gewissermaßen schön, um damit Interessenspolitik zu machen. Der Grund liegt auf der Hand: Warum sollte die deutsche Wirtschaft auch ein Interesse daran haben, die Löhne der Frauen auf das Niveau der Männer anzuheben? Das würde einiges kosten.

Wir hoffen, dass unsere Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) in ihrer Haltung gefestigt bleibt – und das längst überfällige Entgeltgleichheitsgesetz auf den Weg bringt. Es wäre ein weiterer wichtiger Schritt für mehr Gleichberechtigung in diesem Land. Und als nächstes könnte man einige wichtige Entscheidungspositionen mit Frauen besetzen…

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