“Es ruckelt sich nicht einfach zurecht”

"Als Eltern muss man flexibel sein können", so Nina Diercks.

Lisa Krechting

"Als Eltern muss man flexibel sein können", so Nina Diercks.

Sie macht Karriere als Rechtsanwältin, ihr Mann führt ein erfolgreiches Unternehmen: Für Nina Diercks war immer klar, dass sie auf nichts verzichten will.

Wie eine gleichberechtigte Doppel-Karriere-Partnerschaft mit zwei Kindern zu vereinbaren ist, erzählt die Hamburger Juristin im Interview. Ein Auszug aus “Kinder + Karriere = Konflikt? Denkanstöße für eine deutsche Debatte” von Tina Groll.
Frage: Frau Diercks, Sie haben Ihr erstes Kind noch im Referendariat bekommen. Hatten Sie da nicht Angst, die Ausbildung als Juristin nicht mehr abschließen zu können?

Nina Diercks: (lacht) Genau das war es, was mir viele im Freundes- und Bekanntenkreis gesagt haben: Wenn das Kind erst einmal da ist, machst du niemals das zweite Staatsexamen. Ich wusste aber immer, dass das für mich persönlich Unsinn ist. Und so war es dann auch.

Frage: In einem Gastbeitrag des Onlinemagazins Spielraum, das zu dem Karrierenetzwerk Xing gehört, berichten Sie allerdings von geradezu diskriminierenden Erfahrungen bei der Jobsuche.

Diercks: Allerdings. Ich muss ehrlich sagen, ich war damals wohl etwas naiv. De facto fing es schon mit dem Abschluss der Ausbildung an. So wurde ich vom Prüfungsvorsitzenden im Vorgespräch zu meinem zweiten Staatsexamen gefragt, wie ich denn bitteschön Rechtsanwältin sein wolle, als Frau und Mutter. Der Mann stand zwar kurz vor der Rente und so tat ich das zunächst als anachronistische Weltanschauung eines alten Mannes ab, aber letztlich sollte er mit seiner Aussage Recht behalten. Es war als Mutter eines kleinen Kindes wirklich schwer, den Berufseinstieg zu finden. In jedem Vorstellungsgespräch wurde ich gefragt, wie ich das mit meiner Tochter machen wolle. Vätern wird diese Frage nie gestellt. Da wird davon ausgegangen, dass die Kinderbetreuung geregelt ist. Wieso bei mir als Frau nicht? Und als ich dann einmal zurückfragte, ob diese Frage auch den Vätern gestellt würde, antwortete mir eine Partnerin und Arbeitsrechtlerin, die auch noch selbst Mutter war: „Warum gehen Sie so an die Decke? Als Mutter bleibt man ja zu Hause, wenn das Kind krank ist. Und Sie sind als Frau nun mal ein Risiko für uns.“ Das war wirklich hart. Mal davon abgesehen, dass solche Aussagen gegen das Allgemeine Gleichstellungsgesetz (AGG) verstoßen und dies jedem Juristen klar ist.

Das Cover von "Kinder + Karriere = Konflikt?"
Das Cover von “Kinder + Karriere = Konflikt?”

Frage: Hatten Sie Angst, dass Sie beruflich gar nicht erst den Einstieg finden würden?

Diercks: Nein. Ich bin schon immer ein recht zielstrebig gewesen und wusste, irgendwas wird sich schon finden. Aber ich hatte nicht damit gerechnet, wie schwer es als Mutter werden würde. Das hat übrigens auch meinen Mann überrascht. Für uns stand immer fest, dass wir uns alles gleichberechtigt teilen wollen – dass wir beide nicht eine gute Ausbildung genossen haben, um dann Zuhause zu bleiben. Wir wollten eine gleichwertige Partnerschaft. Und dass beide berufstätig sind und sich die Erziehungsarbeit teilen, ist für uns Teil einer gleichwertigen Partnerschaft. Uns hat dann eher überrascht, dass diese Einstellung selbst im Freundes- und Bekanntenkreis scheinbar nicht selbstverständlich ist.

Frage: Warum haben Sie das erste Kind noch im Referendariat und nicht erst später, nach dem Berufseinstieg, bekommen?

Diercks: Ganz ehrlich? Mein schon immer abstrakt vorhandener Kinderwunsch wurde einfach konkret. Punkt. Und vor dem Hintergrund, dass der nächste „gute“ Zeitpunkt (wenn es so etwas überhaupt geben sollte) wohl erst in weiteren fünf Jahren, nämlich nach dem Examen und nach den ersten Jahren Berufserfahrung gewesen wäre, fragte ich mich, warum ich warten sollte. Mein Ehemann ist dazu acht Jahre älter als ich. Er hätte mich nie gedrängt, aber er war alles andere als unglücklich darüber, dass ich mich früher als vielleicht üblich für ein Kind entscheiden wollte (lacht). Wir haben uns einfach überlegt: Den passenden Zeitpunkt gibt es ohnehin nicht, wir wünschen uns ein Kind, also probieren wir es. Und zu unserem großen, großen Glück hat es sofort geklappt.

Frage: Wie waren denn die Reaktionen von Ihren Kommilitoninnen und Kommilitonen auf Ihre Schwangerschaft?

Diercks: Die Referendarskollegen haben sich sehr für mich gefreut, aber die allermeisten konnten sich diese Entscheidung für sich selbst überhaupt nicht vorstellen. Und natürlich tauchte da die Frage auf, ob das Ganze denn nicht ein Unfall gewesen wäre. Aber wie eben schon gesagt, nein, das war es nicht, es war eine bewusste Entscheidung für eine kleine Familie. Schwangere Referendarinnen waren aber damals in jedem Fall Exoten – und welche, denen man in der Regel nicht zutraute, das Examen abzuschließen. Am merkwürdigsten waren allerdings die Reaktionen der anderen Teilnehmerinnen im Geburtsvorbereitungskurs: Dort wurde ich eben nicht wie eine junge Frau Ende 20 behandelt, die am Ende ihrer anspruchsvollen Berufsausbildung steht und die eine seit Jahren stabile Beziehung führt, sondern als wäre ich 14 und würde meinen Hauptschulabschluss für eine Teenagerschwangerschaft abbrechen. Das mag aber auch am Durchschnittalter der Teilnehmerinnen gelegen haben, denn das lag – wenn man mich herausrechnet – wohl eher bei Ende 30, wenn nicht Anfang 40.

Frage: Wie lange haben Sie während des Referendariats ausgesetzt?

Diercks: Meine Tochter wurde etwa genau in der Mitte meines Referendariats geboren. Ich habe dann 14 Monate lang Elternzeit genommen. Schlichtweg, weil ich sonst Anfang Dezember wieder hätte anfangen müssen – und das wollte ich genauso wenig wie Anfang Januar. Schließlich musste meine Tochter auch noch in die Kita eingewöhnt werden und das wäre dann mit der Weihnachtszeit dazwischen einfach irgendwie alles doof gewesen. Und zum Glück fragt das Prüfungsamt da nicht, sondern macht einfach nur eine Notiz in der Personalakte mit dem Wiedereinstiegsdatum. Allerdings stand mir ja noch das zweite Staatsexamen bevor. Und ich war nicht so naiv zu glauben, ich könne mit Baby im Arm das Pensum runterreißen, das notwendig ist, um das 2. Staatsexamen zu bestehen. Deswegen hatte ich mir schon vor der Schwangerschaft, den „Persilschein“ bei meiner Schwiegermutter abgeholt.

Frage: Das heißt?

Diercks: Das heißt, sie hatte mir zugesagt, dass Baby für ein halbes Jahr drei Tage die Woche zu betreuen. Und so machten wir es dann auch. Als mein Töchterchen ein gutes halbes Jahr alt war, verbrachte es drei Tage die Woche bei seiner Oma. Und ich fing an, mich in dieser Zeit auf das zweite Examen vorzubereiten. So konnte ich dann insgesamt den ganzen Stoff schaffen, ohne während Referendariats die sonst üblichen, täglichen Spät-, Nachtschichten einzulegen. Anstrengend war es so auch schon, denn natürlich musste ich trotzdem am Wochenende die fünfstündigen Übungsklausuren schreiben. Aber ohne meine Schwiegermutter, ich weiß nicht, wie das gegangen wäre. Übrigens: Ich war nach dem guten halben Jahr froh, endlich wieder was für meinen Kopf tun zu können.

Frage:  Warum?

Diercks: Es ist ebenso schön wie anstrengend, ein Baby zu versorgen, nur eines ist es nicht: Eine intellektuelle Herausforderung. Kurz, für mich war ein halbes Jahr ausschließlich Kind mehr als genug. Aber ganz klar, dass muss jeder für sich selbst entscheiden und die Entscheidung kann auch anders ausfallen.

Ich wollte auch meine Ausbildung fertig haben. Dementsprechend habe ich nach meiner Elternzeit wieder in Vollzeit gearbeitet. Gleich zum Wiedereinstieg hatte ich auch einen sehr verständnisvollen Ausbilder, der selbst eine berufstätige Frau und zwei Kinder hatte. Der kannte zum Beispiel das Problem, wenn das Kind zahnt und der Partner einen Termin hat aus eigener Erfahrung.

Frage: War es schwer, einen Betreuungsplatz zu finden?

Diercks: Nein, das Betreuungsangebot in Hamburg ist gut. Schon bei meiner ersten Tochter wurde der Bedarf nach der Berufstätigkeit der Eltern berechnet. Haben beide Vollzeitjobs, dann hat man auch einen Anspruch auf einen Vollzeitbetreuungsplatz. Da hat man als Doppelkarrierepaar keine Probleme. Schwierig ist es, einen familienkompatiblen Arbeitgeber zu finden.

Frage: Wie meinen Sie das?

Diercks: Als Eltern muss man flexibel sein können. Der Kindergarten kann mal anrufen, dass das Kind krank ist. Oder es gibt einen Bastelnachmittag. Ich fand nach der Ausbildung einen Job in einer Kanzlei. Auf den ersten Blick sah es ganz gut aus. Keine 50 oder 60 Stunden Wochen, wie in vielen anderen Kanzleien üblich, sondern wirklich nur 40. Aber die eben von 9 bis 13 Uhr und von 14 bis 18 Uhr. Immer. Jeden Tag. Keine Ausnahme. Aber das passt eben nicht zusammen mit dem Leben, das ich mir mit Kindern vorstelle.

Frage:Warum nicht?

Diercks: Zum Beispiel musste ich mir für einen Bastelnachmittag einen halben Tag frei nehmen – egal, wie viel ich sonst arbeitete. Das habe ich bei einem Job wie meinem, bei dem es egal ist, wann ich die Arbeit mache, solange ich die juristischen Fristen einhalte, einfach nicht verstanden. Die Präsenzkultur, inklusive starrer Arbeitszeiten, ist immer noch sehr stark ausgeprägt – jedenfalls im konservativen Kanzlei-Umfeld. Nach einem knappen Jahr wollte ich dann aus der Kanzlei raus. Ich wollte so nicht mehr arbeiten. Bei einem Vorstellungsgespräch in einer anderen Kanzlei fragte ich nach flexiblen Arbeitszeiten. Dort wurde mir strahlend das Folgende gesagt „Oh ja, das ist kein Problem! Die anderen Mütter arbeiten hier Montags bis Mittwochs von 9 bis 19 Uhr und Donnerstags bis Freitags nur von 9 bis 15 Uhr!“ Dass ich darauf hin nur entgegnete, wo genau das jetzt flexibel sei, traf auf das totale Unverständnis. Die Reaktionen der (potentiellen) Arbeitgeber sind dabei aber das eine. Das andere waren die Reaktionen im persönlichen Umfeld.

Frage:  Welche zum Beispiel?

Diercks: Freunde wie Bekannte haben unseren Lebensentwurf kritisiert, nein falsch, meinen. Da hieß es dann: „Das kannst du doch nicht machen, man gibt sein Kind doch nicht den ganzen Tag lang weg.“ Oft wurde die Kritik eher subtil geäußert – etwa mit Sätzen wie „Also, ich würde das für mein Kind ja nicht wollen.“ Mein Mann, der ebenfalls den ganzen Tag arbeitet, hat so etwas natürlich nie zu hören bekommen. Denn das Männer sich weiter beruflich verwirklichen wollen ist schließlich „normal“. Solche Sätze treffen, ob man will oder nicht. Ich verstehe das auch nicht. Ich halte doch auch keiner Mutter und keinem Vater vor, dass sie oder er wohl ein bisschen dumm im Kopf wird, weil sie oder er sich nur noch mit den Kindern beschäftigt. Oder den Teilzeit-Eltern, dass sie nichts richtig machen, weder Job noch Kinder. Mir ist es egal, wie andere Leute das machen, sie sollen mit sich und ihrem Leben und ihren Kindern glücklich sein. Für jeden ist eine andere Entscheidung richtig.

Frage:  Ärgern Sie sich auch heute noch über solche Angriffe?

Diercks: Anfangs habe ich mich viel damit auseinandergesetzt. Aber irgendwann habe ich auf meinen Mann gehört, der nur meinte „Lass Dich davon doch nicht immer so fertig machen!“ Recht hat er. Und naja, inzwischen bin ich fast acht Jahre Mutter, da wird man gelassener, auch gegenüber den Kritikern des eigenen Lebensmodells (lacht). Das Wichtigste ist, dass wir mit unserem Lebensmodell glücklich sind und es unseren Kindern gut geht. Es muss nicht jeder unser Leben leben.

Frage: Trotzdem möchten Sie und Ihr Mann anderen Paaren Mut machen, sich beides zuzutrauen – eine anspruchsvolle Vollzeit oder vollzeitnahe Stelle und Familie.

Diercks: Ja. Denn ich hätte mir Vorbilder und Beispiele gewünscht. Und ich finde es wichtig, dass sich etwas ändert. Es kann doch nicht sein, dass Familie und Beruf immer als Gegensätze betrachtet werden. Das Leben besteht doch nun mal aus beiden Bereichen. Und es kann auch nicht dauerhaft so sein, dass es vor allem die Frauen sind, die sich entscheiden müssen. Oder dass die Männer insgeheim den Wunsch hegen, mehr Zeit für die Familie zu haben – es sich aber wegen der Ansprüche der Arbeitswelt an sie nicht erlauben können. Oder gar nicht erst trauen. Denn das Problem ist ja, dass Vollzeit in Deutschland in der Regel nicht 35 bis 40 Stunden bedeutet, sondern locker 45 Stunden und mehr. Und wenn das beide machen und dazu auch noch keiner flexibel arbeiten kann, wie soll das funktionieren? Gar nicht, es sei denn man hat ein Vollzeitkindermädchen oder die allzeit bereiten Großeltern.

Frage: Sie haben sich selbstständig gemacht.

Diercks: Ich hatte mir in meiner Freizeit den heute recht bekannten Social-Media-Recht-Blog aufgebaut und begann, mir einen Namen zu machen. Das führte auch zu den ersten von mir akquirierten Mandaten. Außerdem haben wir uns ein zweites Kind gewünscht. Als ich dann noch eine Fehlgeburt hatte, habe ich entschieden, dass ich beruflich etwas ändern musste. Als Jurist kann man prinzipiell überall arbeiten. Ich beschäftige mich noch dazu mit dem Recht der digitalen Medien. Ich brauche einen Laptop und einen Internet-Anschluss. Mehr nicht. Und so habe ich mich selbständig gemacht. Am dritten Tag meiner Freiberuflichkeit hielt ich dann auch schon den positiven Schwangerschaftstest in der Hand. Ein Kindergeburtstag war der Aufbau der Kanzlei und ein zweites Kind zur gleichen Zeit zwar nicht, aber inzwischen betreibe ich die Kanzlei zusammen mit einem Geschäftspartner, wir haben eine Büroassistenz, einen wissenschaftlichen Mitarbeiter und ich habe inzwischen auch eine angestellte Anwältin. Geht also doch.

Frage:  Hatten Sie Sorge, dass der Aufbau der Selbständigkeit während der Schwangerschaft schwierig werden könnte? Immerhin können die Mandanten von einer schwangeren Juristin nicht unbedingt erwarten, dass sie auch nach der Geburt alle Fälle bearbeiten kann und ansprechbar ist.

Diercks: Nein, ehrlich gesagt nicht. Die Selbstständigkeit hatte ich mir gut überlegt und auch das zweite Kind war ein Wunschkind. Ich fühlte mich in erster Linien befreit und glücklich und hatte endlich das Gefühl, nicht mehr fremdbestimmt zu sein durch die Zwänge einer Kanzlei, bzw. eines Chefs, der mir vorschreibt, wann ich wie wo zu arbeiten hatte. Ich konnte mir meine Arbeit selbst gestalten. Ich bin eher eine juristische Unternehmensberaterin als eine klassische Anwältin und arbeite stark projektbezogen. Das heißt ich erstelle Gutachten zu Geschäftsmodellen, prüfe Datenschutz-Konzepte oder entsinne Verträge verschiedenster Art. Diese Arbeit ist gut planbar. Insofern gab es hier kein Problem mit Mandanten, die an meiner Zuverlässigkeit gezweifelt hätten. Das Beste am Schritt in die Selbständigkeit war und ist: Ich kann meine Arbeit viel besser mit der Zeit für meine Familie vereinbaren.

Frage:  Wie lange haben Sie nach der Geburt Ihres zweiten Kindes ausgesetzt und wie haben Sie das organisiert?

Diercks: Ich habe die Projekte so geplant, dass ich sie gut vor der Geburt beenden konnte. Für die Arbeiten, die weiter anfielen, habe ich eine Vertretung organisiert und nach etwa acht bis zehn Wochen habe ich langsam wieder angefangen, zu arbeiten. Ich habe meine Tochter am Anfang mit ins Büro genommen, das mit einer kompletten Baby-Ecke ausgestattet war. Und als sie dann langsam in ein Alter kam, in dem sie nicht mehr brav auf der Babydecke liegen wollte, ist mein Mann in Elternzeit gegangen. Danach kam sie mit knapp neun Monaten in die Kita.

Auf diese Elternzeit hatte sich mein Mann übrigens sehr gefreut. Bei unserer ersten Tochter konnte er nämlich keine nehmen. Er war damals gerade dabei seine Firma neu aufzubauen. Viereinhalb Jahre später sah das anders aus. Die Neuausrichtung hatte funktioniert, es gab neben seinem Geschäftspartner nun mehrere Angestellte. So konnte er für zwei Monate in die Elternzeit gehen.

Frage:  Hat das denn finanziell geklappt?

Diercks: Die Frage hätten Sie mir wohl eher in Bezug auf die erste Auszeit stellen müssen. Denn da war ich schließlich noch in der Ausbildung und erhielt gerade einmal 750 Euro netto Unterhaltsbeihilfe, wie der Lohn bei Referendaren heißt. Das Elterngeld fiel entsprechend mager aus. Beim zweiten Kind hatte sich die Situation verändert. Zwar wussten wir in Bezug auf mein Elterngeld nicht, wie hoch es werden würde. Ich hatte mich ja gerade selbstständig gemacht, als ich schwanger wurde. Tatsächlich war es dann so, dass meine Kanzlei-Gründung ein voller Erfolg war und ich in Folge dessen den Höchstsatz an Elterngeld bekam.

Frage: Warum glauben Sie, dass viele Paare in die traditionelle Rollenverteilung mit dem Kind rutschen?

Diercks: Manch eine Frau stößt vielleicht im Beruf gerade an die gläserne Decke. Oder hat lange und hart gearbeitet und ist es vielleicht leid die Ellenbogen rauszustrecken. Da scheint es doch gut, erstmal eine Weile auszusetzen. Wenn das Baby erst einmal da ist, dann fällt es manchem schwer, dieses kleine Wesen in die Betreuung von anderen Personen zu geben. Zumal einem von außen auch ständig vermittelt wird, dass nur die Mutter sich richtig um das Baby kümmern kann. So ein Kind fordert einem emotional und zeitlich sehr viel ab. Der Tag verliert sich in ständigen Wiederholungen – und ehe man sich versieht, verliert man den Kontakt zu Kollegen oder kinderlosen Freunden. Dann dreht sich schnell alles nur noch ums Kind. Was wunderschön und erfüllend sein kann. Und es gibt ja auch so viele Angebote, die man als gute Mutter seinem Kind angedeihen lassen soll. Babyyoga, Babyschwimmen, Mutterkind-Turnen, musikalische Früherziehung und so weiter. Ich beobachte auch, dass sich Väter oftmals an den Rand gedrängt fühlen und unsicher im Umgang mit ihrem eigenen Kind sind, weil sie so wenig von den alltäglichen Aufgaben übernehmen. Und irgendwann denkt man als Paar dann eben, dass es auch so sein muss oder besser so ist. Nur: Das ruckelt sich dann eben nicht mehr einfach so zurecht.

Frage: Warum war das bei Ihnen nicht so?

Diercks: (lacht) Ich bin einfach kein „Muttertier“. Ich jedenfalls habe mich schnell unterfordert damit gefühlt, nur Mutter zu sein. Für mich persönlich wäre es undenkbar gewesen, mich nur darauf zu reduzieren. Und für meinen Mann wäre es ebenso undenkbar gewesen, nur der Ernährer und Wochenendpapi zu sein. Wir wollen ganz illusionär alles vom Kuchen. Dazu gehören für uns die berufliche Verwirklichung auf der einen Seite und unsere Töchter mit dem Familienleben auf der anderen Seite. Und auf ein ganzes Leben betrachtet, geht es doch um einen relativ kurzen Zeitraum von bis zu 15 Jahren, in denen die Kinder ihre Eltern intensiv brauchen. Spätestens als Teenager wollen die meisten Jugendlichen doch kaum mehr freiwillig Zeit mit ihren Eltern verbringen. Wenn man sich entscheidet, jung genug Kinder zu bekommen, dann hat man dann noch gut 20 Jahre und mehr für den Job.

Frage: Wie machen Sie es heute?

Diercks: Wir arbeiten etwa 40 Stunden in der Woche, vielleicht etwas mehr. Aber wir können jederzeit auch aus dem Homeoffice arbeiten, weil wir uns diese Flexibilität mittlerweile geschaffen haben. Die Kinder sind bis 17:30 Uhr in der Kita. Wir frühstücken jeden morgen als Familie zusammen und essen auch gemeinsam Abendbrot. Das ist uns sehr wichtig. In vielen Familien – selbst wenn einer von beiden nur 50-Prozent-Teilzeit arbeitet, ist das nicht der Fall. Meine große Tochter hat erst neulich in der Schule erfahren, dass die Väter der anderen Kinder beim Abendbrot selten da sind. Sie hat mehrere Tage lang abends beim Abendbrot gesagt, dass der Papa ihrer Schulfreundin jetzt nicht mit der Familie zusammen isst so wie ihr Papa. Das hat unser Kind echt bewegt. Für sie war das unvorstellbar.

Frage: Dafür verbringen Sie nicht den Tag mit Ihren Kindern.

Diercks: Das tun in den meisten Familien auch nur die wenigsten Eltern. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich etwas verpasse – denn ich und auch mein Mann sind jeden Tag für unsere Kinder da. Wir haben uns etwa auch bewusst für das Leben in der Stadt entschieden, weil wir so kurze Wege haben, und damit mehr Zeit für die Kinder. In vielen anderen Familien pendelt er vom Vorort in die Stadt zu Arbeiten und verliert so wieder wichtige Familienzeit, während sie viele Familienaufgaben allein übernimmt.

Frage: Sie sind sehr privilegiert. Sie haben die Zeit mit Ihren Kindern auch, weil Sie eine Putzhilfe beschäftigen. Und längst nicht jede normale Familie kann sich ein Haus mit Garten oder eine große Wohnung mitten in der City leisten.

Diercks: Wir haben hart dafür gearbeitet, so privilegiert zu sein. Wir waren das nicht immer. Das ist alles selbst gemacht. Und ich sage auch nicht, dass unser Modell für jeden beispielhaft ist oder sein kann. Ich will nur zeigen, dass es nicht unmöglich ist, „alles“ zu haben.

Frage: Was ist Ihrer Meinung nach nötig, damit man alles haben kann?

Diercks: Zunächst einmal der Wille von beiden Partnern, dass dieses Lebensmodell das ist, das man leben möchte. Und dann braucht es vielleicht etwas Mut. Ich finde es schade, dass es immer heißt, wenn man erst einmal Kinder habe, dann sei das Leben vorbei – und dass da gerade der Druck auf die Frauen so groß ist. Dieser Irrglaube hält viele junge Frauen davon ab, in jüngeren Jahren Kinder zu bekommen. Natürlich verändert sich das Leben mit Kindern. Aber es ist nicht vorbei, es ist nur anders. Manche Prioritäten verschieben sich, aber man muss nicht auf berufliche Erfüllung verzichten. Vielleicht verändert sich das Freizeitverhalten, vielleicht verändert sich das Zeitkontingent, das man vorher für Freundschaften hatte. Aber es bleibt genug Freiraum für alles das, wenn man sich mit seinem Partner einig ist und den anderen dabei unterstützt, alles das möglich zu machen.

Frage: Ist das denn bei Ihnen so? Wie hat sich Ihr Leben verändert durch die Kinder?

Diercks: Mein Privatleben hat jetzt ein neues Zentrum – unsere Kinder. Dadurch habe ich weniger Zeit für Freunde, wobei viele von ihnen mittlerweile auch Kinder bekommen haben und ebenso weniger Zeit für mich haben. Dann trifft man sich eben gemeinsam mit den Familien. Ansonsten habe ich heute weniger Zeit für Sport. Aber dafür habe ich zwei wunderbare Kinder und einen fantastischen Ehemann. Beruflich habe ich auf nichts verzichtet. Insgesamt ist mein Leben viel erfüllter. Ich kann jeder Frau nur dazu raten, ein Kind dann zu bekommen, sobald sie sich dafür bereit fühlt.

Frage: Was müsste sich Ihrer Meinung nach verändern, damit mehr Menschen wie Sie Familie und Beruf vereinbaren können?

Diercks: Zum einen brauchen wir eine andere Sicht auf Mütter. Dieses überhöhte Mütterideal ist meiner Meinung nach problematisch. Wir brauchen auch eine andere Sicht auf die Väter – die müssen noch stärker Anteil nehmen. Und dann sollte es möglich sein, zumindest in den ersten Lebensjahren der Kinder, nur 32 Stunden in der Woche zu arbeiten, ohne dadurch Karrierenachteile zu haben. Wenn es dazu noch eine Lohnersatzleistung gebe, würden sich mit großer Wahrscheinlichkeit auch mehr Männer dafür entscheiden, etwas weniger zu arbeiten und dafür mehr Verantwortung in der Familie zu übernehmen. Ich glaube, dass es vor allem auch schlicht finanzielle Gründe sind, warum viele Familien sich nicht für ein partnerschaftliches Modell entscheiden. Wenn sich das ändern würde – dann wäre für die Familienfreundlichkeit in Deutschland viel getan.

3 Kommentare

  1. Liebe Nina Diercks, so viele Unterschiede in unseren Leben, aber doch habe ich bei fast jeder Ihrer Antworten “JA”, “Genauso ist es”, “Danke dass es noch jemanden gibt, der das so sieht” und Variationen davon ausgerufen. Ich war auch erstaunt – und bin es immer noch – wie konservativ die Rollen noch verteilt sind und auch wie “mamafixiert” die Elternwelt ist: dass es wochentags nur Damenumkleiden beim Babyschwimmen gab oder dass selbst Leute, die uns gut kannten, mich anriefen, wenn ein Kind aus dem Kindergarten uns spontan besuchen wollte – mein Mann machte über viele Jahre die Nachmittage, d.h. eigentlich wussten es alle. Ich bewundere meinen Liebsten oft dafür, dass das alles an ihm so abperlte. Oder auch, dass selbst bei Paaren, die sich die Anfangszeit noch teilen, dann ganz selbstverständlich sie in die Teilzeit geht, wenn er wieder voll anfängt. Jeder wie er oder sie mag – völlig wertfrei, da stimme ich Ihnen komplett zu. Aber: Ich hätte gewettet, dass das alles nicht mehr so ist, wenn ich “groß” bin. Weit gefehlt. Umso schöner war es für mich, dieses Interview gefunden zu haben. Danke dafür – das tut irgendwie gut. Liebe Grüße, Nat

    1. Liebe Nat,
      vielen Dank. Das freut mich sehr zu lesen. Und leider habe ich es erst heute gesehen. Ja, es gibt doch ein paar von “uns”. Es sind aber zu wenige. Und damit meine ich gar nicht so sehr die gewählte Lebensform, sondern vor allem auch die Einstellung “Jeder wie er wirklich mag”. 🙂 Danke für den Kommentar. Nina

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