Wegen unbezahlter Fürsorgearbeit keine Zeit für Erwerbsarbeit

Frauen verrichten weltweit den Großteil der unbezahlten Care-Arbeit.

Unsplash / Catt Liu

Frauen verrichten weltweit den Großteil der unbezahlten Care-Arbeit.

Hausarbeit, Kindererziehung, Pflege von Angehörigen – Frauen in Deutschland arbeiten pro Tag im Schnitt 4,5 Stunden ohne dass sie dafür bezahlt werden. Der Equal-Care-Day macht auf diese Ungerechtigkeit aufmerksam.

Care-Arbeit ist immer noch überwiegend Frauensache und zwar überall auf der Welt. Einer Studie der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) zufolge, verrichten Frauen weltweit etwa viermal mehr unbezahlte Sorgearbeit als Männer.

Viele Frauen (und Männer) finden das ungerecht und wollen eine gleichere Verteilung dieser Aufgaben zwischen den Geschlechtern. Denn dass Frauen noch immer die Hauptlast der unbezahlten Arbeiten schultern, hat viele negative Folgen – für den Arbeitsmarkt, wo Frauen als Arbeitskräfte fehlen, weil sie sich um Haushalt und Familie kümmern, für die Absicherung im Alter – Altersarmut ist überall auf der Welt vor allem weiblich. Und sogar für die Zufriedenheit innerhalb der Partnerschaft, denn viele Ehen zerbrechen, weil Frauen sich mit der Doppelbelastung von Familie und Beruf von ihren Männern alleingelassen fühlen.

Auf die ungleiche Verteilung der Care-Arbeit soll nun ein bundesweiter Aktionstag aufmerksam machen: der Equal Care Day (ECD). Er fand erstmals 2016 am 29. Februar statt und wurde von der Journalistin Almut Schnerring und dem Autor Sascha Verlan ins Leben gerufen. Beide hatten sich schon seit Jahren mit Geschlechterklischees und Rollenstereotypen beschäftigt. Sie wählten den 29. Februar als Schalttag, um damit symbolisch darauf aufmerksam zu machen, dass Care-Arbeit größtenteils unsichtbar bleibt, daher auch kaum wertgeschätzt und nicht bezahlt wird. Und weil es den 29. Februar nur alle vier Jahre gibt, symbolisiert dieses Datum auch das Verhältnis von 4:1 bei der Verteilung der Sorge-Arbeit und verdeutlicht, dass Männer rechnerisch etwa vier Jahre bräuchten, um so viele private, berufliche und ehrenamtliche Fürsorgetätigkeiten zu verrichten wie Frauen in einem Jahr.

Unterschiede sind gewaltig

Laut der ILO-Studie sind die Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern allerdings gewaltig. Denn in einem Entwicklungsland, in dem eine Frau das Wasser aus einem Brunnen holen muss und die Wäsche mit der Hand und ohne Waschmaschine macht, fällt deutlich mehr Zeit für Care-Arbeit als in einem modernen Industrieland an. Zudem gibt es viel Kritik daran, dass die unbezahlte Arbeit in Zeiten beziffert wird: Vor allem Männer wenden ein, dass Frauen ja überwiegend Teilzeit arbeiteten, dass sich Paare die Aufgabenteilung selbst so gewählt haben oder dass Arbeiten im Garten oder Instandhaltungsarbeiten im Haushalt wie Reparaturen, die überwiegend von Männern verrichtet würde, ja wohl nicht unter Hausarbeit falle und auch nicht bezahlt würde.

Tatsächlich ist die Methode, Care-Arbeit in Zeit zu bemessen, nicht unproblematisch: Es kursieren, je nach Methodik und Definitionen, die unterschiedlichsten Zeitangaben. So kommt etwa der Zweite Gleichstellungsbericht der Bundesregierung auf einen Gender Care Gap von 52,4 Prozent. Laut diesem Gutachten leisten Frauen 4 Stunden und 13 Minuten pro Tag, Männer 2 Stunden und 46 Minuten. Dieser Bericht bezieht aber auch alle Tätigkeiten in Haus und Garten ein – auch ehrenamtliches Engagement wird erfasst, ebenso wie Fahrtzeiten, etwa, wenn es darum geht, zu pflegebedürftigen Angehörigen zu fahren.

Und 2017 hatte eine Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung ermittelt, dass Frauen im Erwerbsalter 2,4 mal so viel Zeit für unbezahlte Fürsorgearbeit und 1,6 mal so viel Zeit für Hausarbeit verwenden wie Männer derselben Altersgruppe.

Das wohl größte Problem bei der Statistik und der Bemessung des Gaps in Zeitangaben sind Ungenauigkeiten bei der Definition und Messung. Für den Gender Care Gap der Bundesregierung diente die dritte repräsentative Zeitverwendungserhebung von 2012 und 2013 des Statistischen Bundesamtes als Datengrundlage. Für sie wurden insgesamt über 5.000 Haushalte an zwei Wochentagen und an einem Tag am Wochenende zu ihren täglichen Aktivitäten freiwillig schriftlich befragt. Mitgemacht haben Erwachsene ab 18 Jahren – aber niemand weiß, wie ehrlich und wie genau die Teilnehmenden bei ihrer Zeitaufschreibung waren.

Für die internationale Studie der ILO wurden solchen nationalen Untersuchungen aus 41 Ländern miteinander verglichen. Auch hier basierten viele Daten auf Zeit-Tagebüchern und Befragungen. Doch teils lagen den Erhebungen unterschiedliche Definitionen von unbezahlter Care-Arbeit zugrunde.

Kritik an Zeitangaben

Will man den Gender Care Gap messen, besteht eine weitere Schwierigkeit darin, dass viele Sorgearbeiten zeitgleich verrichtet werden können: Wäsche bügeln und Vokabeln bei den Kindern abfragen etwa, oder Stillen und ein krankes Familienmitglied besuchen, wie in der Methodikbeschreibung der ILO-Studie als Beispiel angeführt ist. Es gibt daher Stimmen, die sagen, Frauen seien besser darin, mehr Aufgaben parallel zu verrichten – und würden sie weniger multitasken, wäre die Lücke noch viel größer.

Dabei sollte eigentlich nicht die konkrete Zahl der ungleichen Verteilung der unbezahlten Arbeiten im Fokus stehen, sondern die Auswirkungen davon: Tatsächlich gehen viel mehr Frauen – und zwar nicht nur in Deutschland – nur in Teilzeit einer bezahlten Erwerbsarbeit nach. In Deutschland arbeitet jede zweite erwerbstätige Frau nicht in Vollzeit, bei denjenigen mit minderjährigen Kindern beträgt der Anteil sogar mehr als zwei Drittel, zeigen Daten der Bundesagentur für Arbeit.

Die Studie der Hans-Böckler-Stiftung macht 2017 deutlich, dass Frauen in Deutschland vor allem wegen der vielen Familienarbeit ihre Arbeitszeit im Beruf reduzieren. Die Folgen dieser Entscheidung spüren Frauen hierzulande viele Jahre später als Rentnerinnen – der sogenannte Gender Pension Gap, also die Lücke zwischen den Renten von Männern und Frauen, beträgt 44,8 Prozent. Es sind vor allem Frauen, die als Rentnerinnen auf die Grundsicherung im Alter angewiesen sind.

Laut ILO konnten im Jahr 2018 weltweit 606 Millionen Frauen keiner bezahlten Beschäftigung nachgehen, weil sie durch Carearbeit gebunden waren. Betroffen waren vor allem Frauen in sehr armen Ländern. In einigen dieser Länder spielt auch Sklaverei noch eine Rolle – auch hier sind es überwiegend Frauen und Mädchen, die als Sklavinnen in reicheren Familien die Sorgearbeit verrichten.

Auch in den reichen Industrienationen wird die Sorgearbeit zunehmend auf andere, arme Frauen ausgelagert: Schätzungsweise 200.000 bis 400.000 Frauen aus osteuropäischen Ländern wie  Polen, Rumänien oder Bulgarien sollen in deutschen Privathaushalten leben und und als sogenannten Live-In-Pflegekräfte arbeiten. Diese Frauen haben häufig keine Pflegeausbildung, sie sind oft auch nicht angemeldet, niemand überwacht ihre Arbeitsbedingungen. Manchmal sind sie als Haushaltshilfen gemeldet, in der Regel verrichten sie Vollzeitpflege zu Dumpingpreisen.

Eine neue Ökonomie ist nötig

Dass Care-Arbeit weitergereicht wird, ist kein neues Phänomen. Auch darauf soll der Equal Care Day aufmerksam machen. Und noch ein Thema ist den Aktivistinnen und Aktivisten wichtig: Auf die Belastungen, die mit dem sogenannten Mental Workload verbunden sind. Dieser Begriff meint, dass es neben den sichtbaren Aufgaben im Alltagsleben sehr viele unsichtbare Aufgaben gibt, die quasi nebenher identifiziert, bedacht, organisiert und abgearbeitert werden müssen – quasi das, was als Familien- und Lebensmanagement noch so alles anfällt. Von Impf- und Arztterminen für die Kinder über Planung und Organisation der Kindergeburtstage, Kita-Festen oder wer wann die Hemden aus der Reinigung abholt. Kritiker wenden ein, dass man nun einmal nicht alle Details des privaten Lebens ökonomisiert werden können – das Gegenargument dazu lautet: Aber auch all diese Aufgaben kosten Zeit, die einem Partner oder Partnerin nicht für bezahlte Erwerbsarbeit zur Verfügung steht.

Und vor allem sind all die vielen Kleinigkeiten auch eine Belastung: Studien von Krankenkassen zeigen, dass Frauen häufiger wegen stressbedingten Erkrankungen im Job fehlen. Tatsächlich geben auch mehr Frauen als Männer an, unter Stress zu leiden, der durch die Doppelbelastung von Familie und Beruf verursacht wird. Eine gleichere Verteilung der Sorgearbeit könnte insofern für viele Frauen zu einem besseren Wohlbefinden führen. Doch dafür braucht es eine neue Ökonomie, welche die Carearbeit mitberücksichtigt. Das wäre ein radikaler Schritt, schließlich beruht das heutige Wirtschaftssystem auf einer Zweiteilung der Lebensbereich – die bezahlte Erwerbsarbeit, nach der auch größtenteils Leistungen aus unserem Sozialsystem finanziert und bemessen werden – und die unbezahlte Sorgearbeit. Immerhin: Ein kleiner Teil davon wird schon heute gesellschaftlich und im Sozialsystem berücksichtigt – Zeiten der Kindererziehung und der Pflege von Angehörigen werden von der gesetzlichen Rentenversicherung anerkannt. Und innerhalb der Eltern- und Familienpflegezeit ist man, sofern gesetzlich versichert, beitragsfrei in der Kranken- und Pflegeversicherung gestellt.

Wie eine Gesellschaft funktionieren könnte, in der Care-Arbeit gleicher verteilt ist, welche Rahmenbedingungen die Politik geben sollte und was Familien und Paare ganz konkret tun können, um mehr Gleichberechtigung zu schaffen – alles das soll auf einer zweitägigen Konferenz am 28. und 29. Februar in Bonn diskutiert werden. Schnerring und Verlan haben mittlerweile zusammen mit Mitstreiterinnen und Mitstreitern einen Verein gegründet, der sich für den Abbau von Rollenklischees engagiert. Und 2020 wird der Tag von zahlreichen Politikerinnen und Politiker, Künstlerinnen und Künstler, Institutionen, Gewerkschaften und Verbänden unterstützt. Außer in Bonn wird es rund um den 29. Februar in vielen Städten in Deutschland Aktionen und Veranstaltungen geben. Eine Übersicht der geplanten Events gibt es unter https://equalcareday.de.

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