Transparenz-Tsunami in UK

Fair Pay Innovation Lab

Es wird spannend, heute Abend, in Großbritannien. Nein, es geht nicht um den Eurovision-Song-Contest oder die Oscar-Verleihung – es geht um’s Geld! Ein Jahr lang hatten britische Unternehmen Zeit, Daten zum unternehmensinternen Gender Pay Gap zu erheben. Und heute ist es nun soweit: Transparenz wird Pflicht. Ein Kommentar von Henrike von Platen.

Der Stichtag wird seit Monaten mit Spannung erwartet: Denn Transparenz heißt nach britischem Gesetz nicht etwa, dass es möglich ist, ab einer bestimmten Unternehmensgröße Auskunft über durchschnittliche Vergleichsgehälter verlangen zu können. Transparenz meint, dass alle britischen Unternehmen mit mehr als 250 Beschäftigten ausnahmslos verpflichtet sind, ihre Daten zum internen Gender Pay Gap zu publizieren, und zwar sprichwörtlich unter den Augen der Öffentlichkeit: im Internet.

Einige Unternehmen sind dieser Pflicht längst nachgekommen – und haben im vergangenen Jahr mit ihren Zahlen für großen Aufruhr gesorgt: Wie unterschiedlich Männer und Frauen etwa bei der BBC bezahlt werden, war eigentlich allen klar. Doch erst die nackten Zahlen brachten das Ausmaß der Ungerechtigkeit ans Licht – und Bewegung in die Sache: So wollte die China-Korrespondentin Carrie Gracie nicht hinnehmen, dass nur ihr eigenes Gehalt erhöht, nicht aber für Equal Pay im gesamten Unternehmen gesorgt werden sollte: „Ich will nicht mehr Geld“, sagte sie, „ich will faire Bezahlung für alle.“ Nach jahrzehntelanger Tätigkeit für die BBC zog Gracie die Konsequenz: Sie kündigte.

Doch nach dem Aufruhr um die BBC und andere herrscht schon seit einigen Monaten weitgehend Funkstille. Keine neuen Daten. Kein Skandal. Kein Lob. Nichts.

Last Exit: Gruppenschelte

Natürlich ist es möglich, dass die Unternehmen die Zeit bis heute Abend brauchen, um die Zahlen zusammenzustellen und bis zur letzten Minute eifrig zu rechnen.

Viel wahrscheinlicher ist aber, dass niemand mit heiklen Zahlen an die Öffentlichkeit gehen möchte, bevor es unbedingt nötig ist. Die Unternehmen scheinen abzuwarten und die gesetzliche Frist auszureizen, um nicht die Aufmerksamkeit auf sich allein zu ziehen. Sie scheinen zu hoffen, in der Masse unterzugehen und statt der kollektiven Einzelrüge weitaus weniger image- und geschäftsschädigende Gruppenschelte zu bekommen.

Natürlich legt diese Vermutung zugleich nahe, dass die Zahlen nicht viel Gutes verheißen – umso wichtiger ist es, dass sie nun an die Öffentlichkeit gelangen. Denn je schlimmer die Zahlen, desto größer werden auch die Konsequenzen sein, die daraus gezogen werden. Der größte Effekt von Transparenz ist schließlich, die Missstände sichtbar zu machen – nur so lassen sie sich gezielt aus der Welt schaffen.

Stresstest vor dem Transparenz-Tsunami

Die Ruhe vor dem Sturm tönt heute sehr laut. Die britische Regierung nahm das Abebben der Datenveröffentlichungen vorsorglich zum Anlass, schon einmal zu überprüfen, ob die Technik der zu erwartenden Datenflut überhaupt standhält, sollten alle verbleibenden 9.000 Unternehmen gleichzeitig auf den letzten Drücker ihre Daten hochladen.

Im Transparenz-Tsunami dürfte sich vieles finden, was die Unternehmen zu Recht lieber verbergen würden. Und dabei kommt es ausnahmsweise einmal nicht nur auf das Geld samt aller Gehälter und Bonuszahlungen an. Auch andere Gleichstellungs-Indikatoren spielen eine Rolle. So hat Airbus zwar einen vorbildlichen Wage Gap von nur 2,3 Prozent ermittelt, dafür liegt der Frauenanteil beim größten europäischen Flugzeughersteller bei nur 10 Prozent. Bei AXA Global Health Care fällt der Wage Gap mit 13,1 Prozent zwar sehr viel höher aus – dafür hat die Krankenversicherung aber einen konstanten Frauenanteil von 60 Prozent vorzuweisen. Diese Zahlen gilt es, miteinander in Verbindung zu setzen. So richtig spannend dürfte es daher erst werden, wenn das Gender Equality Office alle Zahlen ausgewertet hat und alle Unternehmen ihre Hausaufgaben kennen. Sie werden sich daran messen lassen müssen und sind verpflichtet, die Zahlen fortan jährlich zu aktualisieren.

Meine Prognose für den heutigen 4. April 2018? Das System wird der Datenlast standhalten – und die überholten Entgeltstrukturen aufbrechen. Das dürfte dann endlich einmal ein bisschen Tempo in die Sache mit der Gleichstellung auf dem Arbeitsmarkt bringen. Jedenfalls in Großbritannien. Ein Hoch auf die Transparenz!

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