Reden wir endlich über kürzere Arbeitszeiten

Die Abschaffung der gesetzlichen Ruhezeiten würde viele Arbeitnehmer unter Druck setzen, befürchten Gewerkschaften.

Oliver Wendel / Unsplash

Die Abschaffung der gesetzlichen Ruhezeiten würde viele Arbeitnehmer unter Druck setzen, befürchten Gewerkschaften.

Die IG-Metall fordert befristet die 28-Stunden-Woche. Ein gute Forderung, denn endlich wird über Arbeitszeitverkürzung diskutiert.

Die IG Metall fordert seit Jahren erstmals wieder kürzere Arbeitszeiten für die Mitarbeiter in der Metall- und Elektroindustrie. Beschäftigte sollen künftig für zwei Jahre ihre Arbeitszeit auf 28 Stunden pro Woche verkürzen können und ei­nen fes­ten mo­nat­li­chen Zu­schuss von 200 Euro er­hal­ten können. Im Anschluss daran sollen sie ein Rückkehrrecht auf eine Vollzeitstelle haben. Zudem fordert die IG Metall sechs Prozent mehr Gehalt.

Ob die Gewerkschaft mit ihren Forderungen durchkommt, muss abgewartet werden. Dennoch ist es ein mutiger Aufschlag. Denn Fakt ist: Die Wirtschaft brummt, der Branche geht es gut, aber es kommt viel zu wenig bei den Arbeitnehmern an. Und: Die meisten abhängig Beschäftigten wünschen sich kürzere Arbeitszeiten, nicht zuletzt auch, um Familie und Beruf besser zu vereinbaren und weniger Stress zu haben. Aber viele junge Familien können sich finanziell heute nicht leisten, die Arbeitszeit zu reduzieren.

Ein längst überfälliger Paradigmenwechsel

Die Forderung ist auch deshalb sinnvoll, weil die Arbeitgeberverbände immer wieder eine Abschaffung der gesetzlichen Ruhezeiten fordern. In dieses Horn bläst auch die FDP dieser Tage in den Sondierungsgesprächen: Geht es nach den Liberalen und der Arbeitgeberlobby soll es künftig keine vorgeschriebene Ruhezeit von elf Stunden zwischen zwei Arbeitseinsätzen mehr geben. Stattdessen soll nur noch die zulässige Höchstarbeitszeit von 48 Stunden in der Woche gelten soll. Auch FDP und Arbeitgeberverbände argumentieren mit der Zeitsouveränität der Beschäftigten und der besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Wenn ein Mitarbeiter heute früher am Nachmittag das Büro verlässt, weil er sein Kind aus der Kita abholen muss, dann soll er abends aus dem Homeoffice noch arbeiten können und trotzdem schon am frühem Morgen zum Beispiel an einem Meeting teilnehmen dürfen – das wäre heute streng genommen gesetzlich nicht so möglich, weil ja die elf Stunden Ruhezeiten eingehalten werden müssen. Allerdings wird das heute sowieso kaum überprüft und wenn die Ruhezeiten abgeschafft werden, trifft das vor allem Menschen in Schichtarbeit. Zum Beispiel die Altenpflegerin, die nach einem Spätdienst oder eine Nachtschicht sofort für die Frühschicht eingeteilt werden könnte und dann nicht einmal schlafen kann. Geschweige denn, sich um ihre Kinder kümmern.

Natürlich ist die Forderung nach mehr Flexibilität berechtigt. Flexibilität ist eine gute Sache – nur darf sie nicht in Stress ausarten. Was man beobachten kann ist, dass die Flexibilität eigentlich nur in eine Richtung geht: die Arbeit hat immer mehr Einzug in unser Privatleben. Das bleibt aber nicht ohne Folgen: Schon heute leidet jeder Dritte dauerhaft unter Stress, noch nie gab es so viele Fehltage im Job wegen Stresserkrankungen, gerade weil Berufstätigen so viel Flexibilität abgefordert wird. Und was oft vergessen wird: Dass Vollzeitarbeit automatisch eine 40-Stunden-Woche bedeutet und der Lohn dann gerade einmal so ausreicht, ist ja kein Naturgesetz. Gerade darum ist die Forderung der IG-Metall ja so interessant. Sie bricht mit den vorherrschenden Paradigmen.

Übrigens sind die Deutschen ziemlicher Überstunden-Europameister: Laut einer IAB-Studie aus dem letzten Jahr sind es im Schnitt 1,8 Milliarden Stunden im Jahr 2014 gewesen. Und nicht einmal die Hälfte davon wurde auch bezahlt.

Schreiben Sie uns einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Passend zum Thema