Frauenverbände kämpfen gemeinsam für mehr Teilhabe

Die Gleichberechtigung in Deutschland stagniert Studien zufolge seit einigen Jahren. Die Berliner Erklärung will das ändern.

Unsplash / Jerry Kiesewetter

Die Gleichberechtigung in Deutschland stagniert Studien zufolge seit einigen Jahren. Die Berliner Erklärung will das ändern.

Männern und Frauen sind in Deutschland noch lange nicht gleichberechtigt. Um die Chancengleichheit von Frauen zu verbessern, haben sich in Berlin jetzt 16 Frauenverbände zusammengetan.

Schon 2011 hatten sich Frauen aus verschiedenen Parteien und Verbänden zusammengetan und die “Berliner Erklärung” als überparteiliches Bündnis gegründet. Ziel damals wie heute: die Teilhabe von Frauen an allen gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen und sozialen Bereichen zu verbessern. Jetzt lebt die Berliner Erklärung angesichts der nahenden Bundestagswahl im September wieder auf: 16 Frauenverbände, die immerhin 12,5 Millionen Frauen hierzulande präsentieren, haben einen Katalog gemeinsamer Forderungen aufgestellt und als Berliner Erklärung 2017 an die Parteien zur Bundestagswahl übergeben.

Unter www.berlinererklaerung.de sind die Forderungen am heutigen Dienstag veröffentlich worden. Zentraler Punkt dabei: endlich die gleichberechtigte Teilhabe zu erreichen.

Finanzielle Chancengleichheit wäre ein Anfang

Eines der Hauptziele ist die Entgeltgleichheit. Dass Frauen wirtschaftlich und finanziell immer noch so deutlich schlechter gestellt sind, ist für Millionen Bürgerinnen einfach nicht mehr hinnehmbar. Das Entgeltgleichheitsgesetz (auch als Lohngerechtigkeitsgesetz oder Gesetz für Entgelttransparenz bezeichnet) ist nur ein erster, kleiner Schritt. Es gilt noch für viel zu wenig Arbeitnehmerinnen in Deutschland. Wichtig sind weitere gesetzliche Regelungen und zielführende Maßnahmen wie transparente, umfassende Prüfverfahren zur geschlechterdifferenzierten Entgeltanalyse in allen Betrieben – wenigstens solchen mit Betriebsratspflicht. Auch kommt es auf die richtigen familienpolitischen und fiskalpolitischen Weichenstellungen an wie etwa die Abschaffung des Ehegattensplittings in seiner jetzigen Form oder ein Rückkehrrecht von Teilzeit auf Vollzeit.

Weitere Forderungen sind eine paritätische Besetzung von Führungspositionen in der Politik sowie den Aufsichts-, Beratungs- und Vergabegremien bei Medien, Kultur, Medizin und Wissenschaft. Denn verrückterweise studieren mehr Frauen als Männer – aber in den Professurstellen kommen die Frauen seit Jahrzehnten kaum an.

Ziele der Gleichstellungspolitik müssen verbindlich umgesetzt werden

Auch geht es den Frauen darum, dass die langjährigen Ziele in der Gleichstellungspolitik verbindlich umgesetzt und erreicht werden – und dies auch transparent gemacht wird und überprüft werden kann. Denn nach wie vor sind viele Anliegen in der Gleichstellungspolitik Feigenblätter, die umgangen werden. Beispiel die Selbstverpflichtung, in bestimmten Führungs- und Entscheidungspositionen einen bestimmten Frauenanteil zu erreichen. Und reihenweise werden dann plötzlich keine geeigneten Kandidatinnen gefunden. Seltsam.

Bei vielen Zielen fehlt es an geeigneten Instrumenten und der nötigen Transparenz. Nach wie vor geht es in Sachen Gleichberechtigung nur im Schneckentempo voran. Schuld sind auch fehlender politischer Gestaltungs- und Durchsetzungswille. Dabei feiern wir in diesem Jahr 100 Jahre das Wahlrecht auch für Frauen.

Der Forderungskatalog wird von Spitzenvertreterinnen des Bündnisses Berliner Erklärung 2017 in einer gemeinsamen Aktion am 31. Mai und 1. Juni 2017 folgenden Repräsentantinnen und Repräsentanten der zur Bundestagswahl antretenden demokratischen Parteien übergeben.

  • Martin Schulz (SPD)
  • Katrin Göring-Eckardt (Bündnis90/Die Grünen)
  • Dr. Dietmar Bartsch (Die Linke)
  • Katja Suding (Vertretung Christian Lindner, FDP)
  • Joachim Herrmann (CSU)

Zu den 16 Frauenverbänden gehören:

  • Business und Professional Women (BPW) Germany, 1.600 Mitglieder (Deutschland) 30.000 Mitglieder in 100 Ländern, Uta Zech, Präsidentin www.bpw-germany.de
  • Deutscher Ärztinnenbund e.V. (DÄB), 1.800 Mitglieder, Dr. Christiane Groß M.A., Präsidentin www.aerztinnenbund.de
  • Deutscher Frauenrat (DF), Dachverband von 59 Mitgliedsverbänden, in denen mehr als 12 Millionen Frauen organisiert sind. Mona Küppers, Vorsitzende www.frauenrat.de
  • deutscher ingenieurinnenbund e.V. (dib), 400 Mitglieder, Sylvia Kegel, Vorstand www.dibev.de
  • Deutscher Juristinnenbund e.V. (djb), 2.700 Mitglieder, Ramona Pisal, Präsidentin www.djb.de
  • Deutscher LandFrauenverband e.V. (dlv), 500.000 Mitglieder, Brigitte Scherb, Präsidentin www.landfrauen.info
  • EAF Berlin | Europäische Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft, 2.000 Unterstützer/innen, Dr. Helga Lukoschat, Vorsitzende www.eaf-berlin.de
  • European Women’s Management Development International Network e.V. (EWMD), 470 Mitglieder in Deutschland; 900 Mitglieder europa- und weltweit; Sieglinde Schneider, Präsidentin www.ewmd.org
  • FidAR – Frauen in die Aufsichtsräte e.V., 680 Mitglieder, Monika Schulz-Strelow, Präsidentin www.fidar.de
  • Frauen im Management e.V. (FIM), 180 Mitglieder, Bärbel Jacob, Bundesvorstand www.fim.de
  • Journalistinnenbund e.V. (jb), 400 Mitglieder, Rebecca Beerheide, Vorsitzende www.journalistinnen.de
  • ProQuote Medien e.V., 200 Mitglieder, 5.000 Unterstützerinnen und Unterstützer, Maren Weber, Vorsitzende www.pro-quote.de
  • ProQuote Medizin, 700 unterstützende Unterschriften, davon 80 Professoren und Professorinnen, Prof. Dr. Gabriele Kaczmarczyk, Initiatorin pro-quote-medizin.de
  • ProQuote Regie e.V., 1000 Unterstützer*innen, Barbara Rohm, Vorsitzende www.proquote-regie.de
  • Verband deutscher Unternehmerinnen e.V. (VdU), 1.800 Mitglieder und Interessentinnen, 16 Landesverbände, Stephanie Bschorr, Präsidentin www.vdu.de
  • Working Moms – Pro Kinder Pro Karriere e.V. (WM), 450 Mitglieder, Ina Steidl, Vorsitzende Verbandsvorstand www.workingmoms.de

Ein Kommentar

  1. “Denn verrückterweise studieren mehr Frauen als Männer – aber in den Professurstellen kommen die Frauen seit Jahrzehnten kaum an.”

    “Verrückterweise” werden Frauen bei Bewerbungen auf Professuren schon jetzt bevorzugt. Z. B. ist jede 18. Bewerbung einer Frau auf eine Professorenstelle erfolgreich, jedoch nur jede 23. eines Mannes (http://www.spiegel.de/lebenundlernen/uni/us-experiment-frauen-bei-professur-im-vorteil-a-1029276.html). Diese Erkenntnisse kommen bei den Frauenverbänden aber anscheinend kaum an.

    Die niedrige Frauenquote liegt an den unmenschlichen Arbeitsbedingungen für Jungwissenschaftler mit befristeten Arbeitsverträgen und PostDoc-Stellen im Ausland, die Männer eher in Kauf nehmen als Frauen.

    Wenn diese Frauenverbände nur 10% der Energie, die sie für sinnfreie Frauenquoten aufwenden, in menschenfreundliche (also frauen- und männerfreundliche) Arbeitsbedingungen für Jungwissenschaftler investieren würden, würde der Frauenanteil ganz von alleine steigen. Dieses Geschrei nach Quoten ist dagegen pure Heuchelei und gibt vor, Ungerechtigkeiten zu beseitigen, indem es weitere Ungerechtigkeiten schafft.

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