Die Sucht nach immer mehr

Die Ursachen von Sucht sind handfest und real, werden aber oft verdrängt.

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Die Ursachen von Sucht sind handfest und real, werden aber oft verdrängt.

Der Wirtschaft ging es noch nie so gut wie heute. Aber wie geht es den Menschen, die in der Wirtschaft arbeiten? Sie halten es dort kaum aus und fliehen in vielfältige Süchte, so Brigitte Witzer.

Ein Gastbeitrag von Brigitte Witzer

Ähnlich geht es uns nach Feierabend: Wir wissen wenig davon, was uns wirklich guttut und folgen Ratgebern, die ihrem eigenen Gewinn verpflichtet sind: Dem Fitness-Anbietern, die ihre Studios auslasten möchten. Geräte-Medizinern, die ihre teure Technik an den Mann und die Frau bringen müssen. Sportanbietern, die Nahrungsergänzungsmittel oder Trainings verkaufen wollen. Sie alle locken mit aufgehübschten Angeboten und erzeugen Bedürfnisse.

Was sind unsere wirklichen, ureigensten Bedürfnisse?

Im Zwiespalt bzw. in der Orientierungslosigkeit zwischen äußeren Angeboten und innerem Mangel entwickeln wir Sehnsüchte. Wir lassen uns von Werbung und Mundpropaganda inspirieren statt von uns selbst – und schlittern so in die Sucht. Süchtig können wir von allem werden: von Zucker über Alkohol und Partydrogen bis hin zu Heroin und Crystal Meth. Aber auch mit immer wiederkehrenden Verhaltensmustern wie Smartphone-Nutzung, Shopping, Online-Games, Arbeit, Sex oder Romanzen lässt sich eine Sucht entwickeln.

In all diesen Fällen schüttet der Körper Dopamin aus, was unser Suchtzentrum im Gehirn erfreut und – ruck zuck – verliert das Leben an Tristesse. Sichtbar wird Sucht dabei im feinen Unterschied zwischen den zwei Gläsern Wein, die mir am Abend gut in den Schlaf helfen und den zwei Gläsern, ohne die ich nicht mehr in den Schlaf komme. Der Unterschied liegt also in der Abhängigkeit, im Zwang. Sucht heißt, ich überlasse mich passiv einer Sache.

Für Sucht gilt: „It’s not a bug, it’s a feature“

Warum aber werden wir süchtig? Welche Wirkung hat eine Sucht? Es gibt auch hier den sogenannten Krankheitsgewinn, das Gute im Schlechten, denn Sucht wirkt zur eigenen Selbstwerterhöhung, zur Beziehungs- und zur Konfliktvermeidung. Unterstützt von sogenannten weichen Faktoren, die alle auf unsere Fähigkeiten im Umgang mit uns und anderen abzielen und die unser Leben stark beeinflussen. Ein erfüllendes, beglückendes Leben ist ohne Beziehungen zu anderen nicht denkbar.

Eine Herausforderung, für die wir oft weder zuhause noch in der Schule Vorbilder erleben oder gar Anleitung erhalten. Dabei fordern Beziehungen einiges von uns ab: Wer eine fremde Person ansprechen will, muss mutig auf andere zugehen. Doch wie macht man so etwas, wenn der eigene Selbstwert gering ist? In der Pubertät hilft das Bier oder die coole Zigarette, da beides die Aufregung dämpft.

Der nüchterne Blick aufs eigene Verhalten

Läuft alles gut, entwickelt sich im Laufe des Lebens das Verhaltensrepertoire und auf Suchtmittel kann verzichtet werden. Dann sind Bier und Zigarette lediglich Übergangsphänomene. Aber was, wenn die Gewohnheiten bleiben? Woher weiß man dann, ob man süchtig ist oder nicht? Im Grund nur per Selbsteinschätzung: Ist der Konsum der betreffenden Substanz oder des Prozesses noch “kurzfristige Hilfe zur Bewältigung von Wirklichkeit” oder doch schon „Wirklichkeitsflucht“?

Die Wirklichkeitsflucht ist begleitet von weiteren Phänomenen einer Sucht: Um sein Suchtmittel zu bekommen, wird gelogen, rationalisiert, intellektualisiert, die Realität verbogen. Statt Wahrheit werden Fakten serviert – und immer hat das Suchtmittel oberste Priorität. Keine Liebe ist größer. Die passive Überlassung wird zunehmend stärker, dominanter.

Sucht hat immer gute Gründe

Die Ursachen von Sucht sind handfest und real, werden aber oft verdrängt: meist emotionale Defizite, die sich häufig nach Erfahrungen von mangelnder Wertschätzung, Gewalt, Misshandlung und Missbrauch entwickelt haben. Sucht hat immer gute Gründe und ist dem Versuch geschuldet, ein Defizit, ein Trauma, ein Drama zu überspielen oder nicht zu spüren.

Leider sind Sucht, süchtiges Verhalten und seine Konsequenzen in unserer Gesellschaft fast nicht ansprechbar. Familienmitglieder oder Kollegen eines Süchtigen verhalten sich in der Regel loyal und beginnen bei Fragen zu auffälligem Verhalten zunächst halbherzig zu lügen. Sie geraten dann jedoch immer stärker in den Kreislauf des Tabus, lügen schließlich gewohnheitsmäßig, am Ende zwanghaft. Die Folge: Die Co-Abhängigkeit wird selbstverständlich. Ein teuflischer Kreislauf aus Scham und Schuldgefühlen.

Jedes Suchtmittel wirkt spezifisch

Das Spielen beispielsweise vermittelt die Illusion von kontrollierter Gefahr. Es wird ein Erregungsgemisch aus Lust und Angst freigesetzt, das zwar an Tollkühnheit erinnert, aber natürlich keine ist. Adrenalin schießt ins Blut und bewirkt einen Zustand, der konzentrationsfördernd-anregend bis hin zu erregend ist. Eine Wirkung, die auch andere „Upper“ wie Kokain oder Crack haben.

„Downer“ hingegen beruhigen oder betäuben. Dazu zählen Schnüffelstoffe, Overeating und Alkohol, aber auch Ritalin, das oft preiswert über den Dealer des Vertrauens oder den Hausarzt zu haben ist. Die dritte Gruppe der Suchtmittel und -muster sind solche, die Zusammenhänge des realistischen Wahrnehmens stören, von dissoziativ bis halluzinogen. Dazu gehören etwa Cannabis oder LSD.

Wege aus der Sucht

Das beste Instrument gegen jede Sucht ist und bleibt unser Körper, denn über ihn laufen all unsere Wahrnehmungen. Doch gerade er wird innerhalb von Sucht und aufgrund gesellschaftlicher Zwänge instrumentalisiert: Wir strapazieren ihn mit exzessiven Sport, wir operieren an ihm herum und vermarkten ihn in Sachen Schönheit – und verlieren so unseren wichtigsten Zugang zu unserem ganz individuellen Empfinden.

Statt Aktivitäten in Sachen Selbstvermarktung wäre es hilfreich, Selbstakzeptanz aufzubauen und einen eigenen Selbstwert zu entwickeln. Wie kann der einzelne statt in Sucht auszuweichen seine gesellschaftlichen und individuellen Ressourcen und Potenziale nutzen? Hilfe ist möglich, aber nicht trivial.

Wer eine Sucht beenden will, findet Wege. Wer süchtig bleiben will, findet Gründe.

 

Prof. Dr. Brigitte Witzer, Geisteswissenschaftlerin aus Passion, reüssierte mit Anfang 30 als erste Frau in einer Geschäftsführung bei einem großen Medienkonzern. Ihre Dissertation über „Führung und Menschenbild“ brachte sie dazu, ihre Konzernkarriere auf- und stattdessen ihre Erkenntnisse weiterzugeben. Seit 1998 arbeitet sie als Executive Coach mit Menschen zu den Themen Persönlichkeit, Integrität und neue Formen von Autorität. In ihrem aktuellen Buch Glück Sucht Leben bringt sie uns mit unseren verborgenen Süchten in Kontakt und zeigt, wie diese das gute Leben zerstören. Ihre zentrale Fragestellung ist dabei, warum Sucht gerade heute so verbreitet ist und wie es dem Einzelnen gelingen kann, sich von ihr zu befreien.

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