Das schreiben Feministinnen über Trump

Der Republikaner Donald Trump wurde auch von vielen weißen Frauen gewählt. Warum?

Pixabay / PeteLinforth

Der Republikaner Donald Trump wurde auch von vielen weißen Frauen gewählt. Warum?

Seit Mittwochmorgen ist nichts mehr, wie es war: Mit Donald Trump wird ein Sexist zum mächtigsten Mann der Welt. Unsere Presseschau zum Super-GAU bei der US-Präsidentschaftswahl.

Mittwochabend sagte Alice Schwarzer in der Sendung von Sandra Maischberger viele richtige Sätze. Und sie sagte etwas, das vielen Feministinnen aus dem Herzen sprach: “Ich habe mir das so schön vorgestellt – Angela Merkel, Theresa May und Hillary Clinton.” Dass nun keine Frau erstmals Präsidentin der USA geworden ist, sondern ein Mann, der Frauen als Freiwild zu betrachten scheint, sich rassisitsch äußert und am liebsten eine Mauer gegen Mexiko errichten würde – dazu wurde in dieser Woche sehr viel gesagt, geschrieben, diskutiert. Viele kluge Gedanken waren dabei, wahnsinnig viel Geschwafel und Gelaber und noch mehr Mist.

Hätten nur die Jüngeren wählen dürfen, wäre Hillary Clinton ins Weiße Haus eingezogen. Es wurde viel über sie gesagt in den letzten Tagen. Der größte Unsinn vielleicht war, dass sie als eine der größten Verliererinnen in die Geschichte eingehen wird. Aber das ist Schwachsinn. Wie kaum eine andere Politikerin in Amerika hat sich Clinton für die Gleichberechtigung der Frauen eingesetzt und eine Basis in ihrer jahrzehntenlangen Arbeit dafür geschaffen, dass eines Tages eine Frau das höchste Staatsamt in einem der mächtigsten Ländern der Welt einnehmen wird. Auch wenn es ihr selbst nicht vergönnt ist – Clinton ist ein Vorbild, sogar im Moment ihrer großen politischen Niederlage. Ihre Rede, in der sie dazu aufrief, Trump eine Chance zu geben, bewegte Millionen, vielleicht sogar Millarden. Vor allem sprach Clinton auch alle Mädchen an – die Entscheiderinnen der Zukunft. “Someday, someone will, and hopefully sooner than we might think right now.” (Irgendwann wird eine die gläserne Decke durchbrechen – und vielleicht schon früher, als wir heute denken.)

Ein unerträglicher Chauvinismus breitet sich wieder aus

Die Chefinnen haben sich zur US-Wahl bisher nicht geäußert. Nicht etwa, weil wir keine Haltung zur politischen Weltlage haben, die mit dem äußerst knappen Sieg von Donald Trump bei der Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten einen neuen Höhepunkt findet. Der Rechtspopulismus breitet sich weltweit wieder aus – und mit ihm ein unerträglicher Chauvinismus. Aber zum einen finden wir die Worte der Frau, die es eigentlich verdient hätte, Präsidentin der USA zu sein, brauchen kaum mehr ein Drüber-Gequatsche von Journalisten oder Bloggern.

Zum anderen haben sich andere kluge Frauen bereits umfassend ausgelassen. Daher haben wir entscheiden, an dieser Stelle nur kurz auf die Gedanken von Analystinnen zu verweisen, deren spannende Thesen uns besonders überzeugt oder zum Nachdenken angeregt haben. Manche Leserin und mancher Leser wird diese Meinungen vielleicht nicht teilen – aber Demokratie lebt von der Pluralität der Meinungen und der Teilhabe von einem jedem und einer jeden. Das macht die Freiheit der Welt aus, in der wir groß geworden sind. Und ihre Schönheit. Und das sind unsere ganz persönlichen 2 Cents zum Sieg von Trump – ein Bekenntnis zur Demokratie, zur Meinungsvielfalt, zum Wettstreit der besten Meinungen und Argumente. Dafür stehen wir als Journalistinnen mit einer klaren Haltung.

Sind am Ende die weißen Frauen Schuld?

In der Tageszeitung taz analysiert Hengameh Yaghoobifarah das Wahlergebnis und geht der Frage nach, warum Trump ausgerechnet auch von weißen Frauen einige Stimmen erhielt.

“Viel auffälliger war hingegen, dass 53 Prozent der weißen Frauen für ihn abstimmten. Und zwar deshalb, weil er sein frauenverachtendes Weltbild sehr offen zeigt, beispielsweise in seinen direkten und indirekten Aufrufen zu sexualisierter Gewalt. (…) Trumps Wählerinnen verteidigten ihre Position in einem rassistischen System. Das Fortleben weißer Vorherrschaft war verlockender als Selbstbestimmung.”

Die Zahlen, so die Autorin, zeigten, dass Frauen eben nicht automatisch frauenfreundlich handelten. Trumps Wählerinnen hätten vor allem als Weiße gewählt – und eben nicht als Frauen.

Alice Schwarzer: Hillary Clinton war vogelfrei

Man muss die Meinung der Autorin nicht teilen. Erstaunlich ist der Fakt aber dennoch. Und viele Frauen kennen dieses unsolidarische Verhalten ihrer Geschlechtsgenossinen aus ihrem eigenen Alltag – wenn es alle anderen auch nicht schaffen, wird auch die einzige Ausnahme nicht unterstützt. Gerade Führungsfrauen sind oft sehr einsam und müssen sich mit harscher Kritik ihrer Geschlechtsgenossinnen auseinandersetzen. Hillary Clinton wurde vorgeworfen, eine machtorientierte Kriegstreiberin mit Wall Street-Nähe zu sein, ein Teil des Establishements. Besonders Frauen waren hier hart. JA – natürlich. Weil die Spielregeln der Macht leider erforderlich machen, Teil dieses Establishments zu sein. Und weil all diese Kritik ebenso und noch viel schlimmer auch auf Donald Trump zutrifft.

Genau das schreibt Alice Schwarzer in ihrer Analyse zum Wahlausgang. Der Vergleich, Amerika hätte bei dieser Wahl eine Entscheidung zwischen Pest und Cholera treffen müssen, zeigt nur, wie wenig sich in den Anforderungen an Führungsfrauen verändert hat. Gemäß des Mottos: “Wenn schon eine Frau, dann müsse sie aber viel besser sein als…” plapperten die vermeintlich Linksliberalen und Aufgeklärten die bekannte Kritik an Hillary Clinton nach. Bei Schwarzer liest sich das so:

“Sie gehöre zum so genannten ‘Establishment’, hieß es über die Kandidatin. Geschenkt. Welcher Präsidentschaftskandidat in den USA gehört nicht dazu? Allen voran der Milliardär Trump. Sie mache eine fragwürdige Außenpolitik, sei eine kalte Kriegerin und pro Interventionen. Stimmt. Aber welcher US-Präsident ist das nicht? Und was wohl haben wir von einem Präsidenten Trump zu erwarten?”

Clinton sei in einem beispiellos brutalen Wahlkampf mit Dreck beworfen worden, zuletzt wie eine Vogelfreie behandelt, so Schwarzer. Tatsächlich wurde der E-Mail-Skandal durch das Trump-Lager aufgebauscht, aber dass das FBI die Ermittlungen kurz vor der Wahl eingestellt hatte, spielte dann keine Rolle mehr. Für die Wählerinnen und Wähler wog schwerer, dass sie angeblich nicht emotional genug gewesen sei, nicht “ganz Frau”. Für Schwarzer aber steht fest:

“Dass wir uns heute nicht über die erste Präsidentin Amerikas freuen können, verdanken wir (..) nicht nur den Männern von gestern. Wir verdanken es auch den Neunmalklugen (…). Diesen BesserwisserInnen, denen Hillary nicht genug dies oder nicht genug das war, aber die in Wahrheit einer Frau diesen Job einfach nicht zutrauen, schlimmer noch: die einer Frau diesen Job nicht gönnen. Jetzt haben sie den 45. Mann. Und was für einen.”

In dem Frauenmagazin Wienerin fassen Teresa Havlicek und Jelena Gučanin die Analyse einfach so zusammen: “Die Niederlage von Hillary Clinton macht uns schmerzlich bewusst, wie gering die Chancen einer Frau sind, ein hohes Amt zu bekleiden.” Schuld daran seien die Geschlechterstereotypen und die Spielregeln der Macht, die eben nach den männlichen Stereotypen funktionierten und immer bedingten, dass Frauen einer Abwertung und Hass ausgesetzt sind, sobald sie vermeintlich “männlich” mitspielen wollen.

Hatte Hillary Clinton nie eine echte Chance?

Mehr noch: In Zeiten der digitalen Kommunikation und Gleichzeitigkeit von Politik, Berichterstattung und Reaktion sind Frauen dem völlig ungefilterten Hass im Netz ausgesetzt. Besonders krass trifft das Frauen in der Politik. Hillary Clinton hatte wahrscheinlich nie eine faire Chance.

Ganz resignieren wollen die Kolleginnen aus Österreich allerdings nicht. Auf Facebook stellt die Redaktion die Frage, wie die Leserinnen die Chancen auf einen Sieg bei den Präsidentschaftswahlen in vier Jahren einschätzen – wenn Michelle Obama für das Amt als erste weibliche Präsidentin kandidiert. Keine Frage, die Zustimmungswerte wären enorm hoch.

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