Bloß kein Stress mit dem Stress!

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Gelassenheit ist das passende Gegenmittel zum Stress.

Wer immer wieder kurz vor der Detonation steht, braucht mehr Gelassenheit. Aber welche Methode ist die beste, in einem Markt, der proportional zum gefühlten Stress der Menschen wächst? Antwort hat Martin-Niels Däfler.

Ein Gastbeitrag von Martin-Niels Däfler

Schuld an allem war ein Renter an der Wursttheke. Diese Menschen kennen Sie bestimmt auch, Herrschaften fortgeschrittenen Alters, die sich zur abendlichen Hauptstoßzeit beim Metzger im Supermarkt in aller Seelenruhe die Zusammensetzung von 17 Aufschnittsorten erklären lassen, während man es als Berufstätiger eilig hat, nach Hause zu kommen. Bei einem gemeinsamen Abendessen mit Freunden hatte ich mich darüber beklagt. Die Empfehlung meines Freundeskreises – gepaart mit zahlreichen Entspannungstechniken: „Du brauchst mal eine XXL-Portion Gelassenheit.“ Und so entstand die Idee, diese allesamt einmal zu testen. Meine Erfahrungen finden Sie in meinem aktuellen Buch Das Gelassenheitsprojekt.

Welche Erkenntnisse hat mir mein Selbstversuch verschafft? Zunächst, Stress scheint ein überwiegend weibliches Thema zu sein. Jedenfalls war ich bei den meisten „Techniken“, die ich ausprobiert habe, der einzige Mann oder zumindest in der klaren Minderheit. Ob beim Qigong, Yoga oder Reiten, ob bei der Fischiküre oder Massage – selten erblickte ich männliche Teilnehmer. Woran mag das liegen? Vielleicht habe ich nur Angebote getestet, die überwiegend weiblichen Bedürfnissen entsprechen. Eventuell gönnen sich Frauen auch mehr für sich selbst, als Männer das tun. Oder es liegt daran, dass Frauen einfach mehr Stress haben. Wahrscheinlich ist es eine Mischung aus allen Aspekten.

Geduld und Gelassenheit zu erlangen, kann ganz schön anstrengend sein

Was ich weiterhin festgestellt und bis heute nicht verstanden habe: Ganz häufig, wenn ich mich mit den TeilnehmerInnen der verschiedensten Entspannungsmethoden unterhalten habe, hatte ich den Eindruck, dass man fast zwanghaft etwas tut, um gelassener zu werden. Wir haben nicht nur Stress auf der Arbeit, im Haushalt und mit den Kindern, sondern machen ihn uns in unserer Freizeit auch noch selbst, indem wir verbissen versuchen, uns zu entspannen. Wir hetzen vom Qigong-Workshop zur Massage und dann zum Yoga-Kurs. Das ist doch wirklich paradox! Geduld und Gelassenheit zu erlangen, kann offensichtlich ganz schön anstrengend sein.


Mehr zum Thema im Dossier Burnout auf Die Ratgeber


Natürlich empfindet ein Reiter die Zeit im Sattel beruhigend und der meditierende Bogenschütze erlebt die Stunden des Schweigens als Wohltat. Und Qigong ist unbestritten eine gute Idee, um den Geist zur Ruhe kommen zu lassen. Dennoch füllen wir – egal mit welcher Aktivität – nur wieder unseren Kalender und verbringen unsere freie Zeit damit, etwas zu tun. Vielleicht täte es gut, über einen Gedanken des französischen Mathematikers und Philosophen Blaise Pascal nachzudenken – und ihn dann auch öfters mal umzusetzen: „Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen.“

Sich darin üben, einfach mal nichts zu tun

Also lautet meine wichtigste Empfehlung: Üben Sie sich darin, einfach mal nichts zu tun. Schicken Sie Mann und Kinder weg und praktizieren Sie die hohe Kunst der Muße! Nehmen Sie sich Zeit und setzen oder legen Sie sich auf die Couch – ohne Radiogedudel und Musik, ohne Smartphone oder Tablet, ohne Buch oder Magazin. Es kann gut sein, dass Sie das am Anfang als sehr unangenehm erleben und keine fünf Minuten aushalten. Doch wie bei fast allen Dingen im Leben gilt auch hier: Mit regelmäßigem Training erreichen Sie Meisterschaft.

Darüber hinaus habe ich fünf Schlussfolgerungen aus meinem Selbsttest gezogen, die ich gern mit Ihnen teile:

  1. Bewegen Sie sich mehr – beispielsweise Yoga, Reiten, Fitness-Studio oder Eisstockschießen.
  2. Konzentrieren Sie sich auf das, was Sie gerade tun und führen Ihre Handlungen ganz bewusst aus – ganz egal, ob Sie Tee zubereiten, einen Pfeil abschießen oder Ihre Wäsche waschen.
  3. Gönnen Sie sich hin und wieder mal was Angenehmes, insbesondere für Ihren Körper – vielleicht eine Massage, eine Fischiküre oder ein Vollbad an einem stinknormalen Mittwochabend.
  4. Gehen Sie einem Hobby/einer Leidenschaft nach, das Sie alles andere vergessen lässt – zum Beispiel Fliegenfischen, Stricken oder Extrembügeln.
  5. Lassen Sie sich gelegentlich von den Gedanken anderer inspirieren – Vorträge, Qigong-Seminare oder Gespräche mit einem guten Freund können wahre Wunder bewirken.

In diesem Sinne, bleiben Sie gelassen! Und wenn Sie Ideen haben, welche weiteren Entspannungsmethoden ich testen soll, schreiben Sie mir gern: mn@daefler.de.

 

Prof. Dr. Martin-Niels Däfler hat in Würzburg sowie Adelaide (Australien) BWL studiert. Anschließend war er für die Boston Consulting Group und den Deutschen Sparkassen- und Giroverband tätig. Seit 2010 lehrt er als hauptamtlicher Professor an der FOM Hochschule in Frankfurt/Main. Als Redner und Coach ist er gefragter Experte zu den Themen Stressabbau und Burnout-Prophylaxe.

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