28-Stunden-Woche: Einigt Euch!

IG-Metall-Chef Jörg Hofmann

PR: IG Metall

IG-Metall-Chef Jörg Hofmann

Bis Samstagmittag wollen IG Metall und Arbeitgeber eine Einigung bei der 28-Stunden-Woche finden. Besser wäre es, denn beide Seiten haben viel zu verlieren.

Auch die dritte Runde der Tarifverhandlungen in der Metall- und Elektrobranche ist ohne Ergebnis zu Ende gegangen. Nun haben sich die Tarifpartner eine Deadline gesetzt: Entweder wird über Nacht bis Samstagmittag in einer vierten Runde eine Einigung erzielt. Oder es kommt zu Flächenstreiks und einer Eskalation des Konflikts.

Die IG Metall hatte für die knapp 3,9 Millionen Beschäftigten der größten Industriebranche sechs Prozent mehr Lohn und ein Recht auf eine befristete Arbeitszeitsverkürzung gefordert. Arbeitnehmer sollen befristet für einen Zeitraum von bis zu zwei Jahren von 35 auf 28 Stunden reduzieren können. Wer Kinder unter 14 Jahren hat, Angehörige pflegt oder Schichtarbeit leistet, soll dafür sogar noch einen finanziellen Zuschuss in Höhe von 200 Euro monatlich von den Unternehmen erhalten. Genau an dieser Forderung scheiterte eine Einigung. Die Arbeitgeber sind zwar dazu bereit, dafür ins Portemonnaie zu greifen. Sie haben zwei Prozent ab April und eine Pauschale von 200 Euro für Januar bis März angeboten. Aber in Zeiten des Fachkräftemangels bei bester Auftragslage das Arbeitszeitvolumen abzusenken und dafür auch noch Entgeltzuschüsse zahlen zu sollen, das kommt für sie nicht infrage. Die IG Metall hält an ihrer Forderung fest – und droht offen mit 24-stündigen Warnstreiks und zwar bundesweit.

Solche Streiks sind eine neue Taktik im Arbeitskampf und wären schmerzhaft: Allein beim Automobilhersteller BMW könnte ein so langer Ausstand dazu führen, dass Tausende Fahrzeuge weniger gebaut werden, teilte ein Sprecher mit. Dazu müssten nicht einmal die BMW-Mitarbeiter streiken, es würde schon reichen, dass es bei den Zulieferern zu Produktionsausfällen kommt. Die Auftragsbücher der Arbeitgeber sind prall gefüllt: Schon ein Tag mit bundesweiten Warnstreiks würde für die Metall- und Elektrobranche Einbuße bedeuten, die das gesamte Jahr über nicht mehr aufgeholt werden könnten, sind sich Experten sicher. Schon während der dritten Verhandlungsrunde hatten sich knapp eine Million Beschäftigte an kürzeren, nur wenige Stunden andauernden Warnstreiks beteiligt. Bei BMW in München rollten Sprechern zufolge dadurch rund 250 Autos weniger vom Band, bei Audi in Ingolstadt waren es 700 Fahrzeuge.

Flächenstreiks sind für beide Seiten riskant

Der Ausstand ist aber auch für die Gewerkschaft nicht ohne Risiko: Zum einen muss sie ihren Mitgliedern ein Streikgeld bezahlen. Zum anderen könnte die Beteiligung an den 24-Stunden-Streiks nicht so hoch sein wie erwartet. Vielen Beschäftigten fällt es leichter, sich an kurzen Warnstreiks zu beteiligen – einen ganzen Tag oder länger in den Arbeitskampf zu treten, ist hingegen für viele schwer. Es setzt voraus, dass sich die Arbeitnehmer ihrer Sache und ihrer Jobs sehr sicher sind und alle Ziele der Forderung mittragen.

Aber nicht jeder Beschäftigte in der Branche dürfte dazu bereit sein, für ein Recht auf befristete Teilzeit zu streiken, wenn die Arbeitgeber parallel ein gutes Angebot beim Thema Geld machen. Denn viele Arbeitnehmer in der Branche sind mit ihrer tariflichen Wochenarbeitszeit von 35 Stunden recht zufrieden und wollen gar nicht reduzieren. Wer Teilzeit arbeitet, würde das auch in Zukunft mit weniger Gehalt bezahlen. Denn eine Lohnkompensation würden nur Beschäftigte mit Kindern unter 14 Jahren und pflegebedürftigen Angehörigen erhalten – und das auch nur, wenn sie nachweislich den Hauptteil bei der Betreuung und Pflege übernehmen. Das dürften aber die wenigsten Arbeitnehmer sein, denn in der Metall- und Elektrobranche arbeiten überwiegend Männer. Selbst die IG Metall rechnet damit, dass maximal 40 Prozent der theoretisch in Frage kommenden Mitarbeiter am Ende eine befristete Arbeitszeitreduzierung in Anspruch nehmen könnten. Und die wenigsten würden den Teillohnausgleich in Höhe von bis zu 200 Euro erhalten, weil dieser nur für die unteren Einkommensgruppen gefordert wird. Das Durchschnittseinkommen in der Branche liegt aber bei 56.000 Euro Jahresbrutto.

Die Gewerkschaft geht daher davon aus, dass die Kostenbelastung für die Arbeitgeber gering sein wird und maximal ein Prozent der Lohnkosten ausmachen würde. Die Arbeitgeber dagegen rechnen zwar mit einem Wertschöpfungsverlust in Höhe von 16 Milliarden Euro, würden sie der Gewerkschaftsforderung nachgehen. Aber das dürfte übertrieben sein. Die Zahl hat das arbeitgebernahe Institut IIW Consult ermittelt. Es unterstellt dabei jedoch, dass fast die Hälfte aller Beschäftigten der Branche ihre Arbeitszeit pro Woche um mindestens 3,5 Stunden reduzieren – und alle Schichtarbeiter zusätzliche Freischichten erhielten. Das dürfte aber kaum der Fall sein.

Die meisten Arbeitnehmer wollen einfach nur einen ordentlichen Lohnzuwachs sehen. Immerhin geht es der Branche gut. Bei diesem Thema aber sind die Arbeitgeber ja bereits kompromissbereit. Und somit dürften sich viele Mitarbeiter fragen, warum sie also dem eigenen Betrieb schaden und sich an einem langen Streik beteiligen sollten, wenn der Streitpunkt eine Forderung ist, die sie selbst gar nicht betreffen wird?

Mehr noch: Die befristete Teilzeit kommt in den nächsten vier Jahren sowieso. Denn darauf haben sich CDU, CSU und SPD bereits in ihren Sondierungen geeinigt. Künftig sollen Arbeitnehmer in Unternehmen mit mehr als 45 Beschäftigten ihre Arbeitszeit für mindestens ein Jahr und maximal fünf Jahre reduzieren dürfen. Das werden die Arbeitgeber also sowieso umsetzen müssen.

Mit Quoten einen Interessenausgleich schaffen

Und noch ein Argument gibt es: Diejenigen, die heute schon Teilzeit arbeiten, würden von dem tariflichen Recht auf befristete Teilzeit mit Entgeltzuschuss gar nicht profitieren. Denn solche Regelungen gelten immer ab Stichtag, nicht aber rückwirkend. Gerade deshalb lohnt es sich für heutige Teilzeitkräfte nicht, sich für ein Recht stark zu machen, von dem sie selbst nichts hätten.

Besser wäre es daher, die Tarifpartner würden sich vorher einigen. Ein denkbarer Kompromiss wäre es, Zumutbarkeitsgrenzen für die Arbeitszeitreduzierung zu definieren. So könnte man eine Quote und Fristen festlegen, um einen Interessenausgleich herzustellen. Solche Quoten gibt es im Tarifvertrag schon: Zwischen 15 bis 18 Prozent der Beschäftigten in den Metall- und Elektrobetrieben können beispielsweise mehr als die 35 Stunden pro Woche arbeiten. Viele Mitarbeiter machen davon gern Gebrauch – zum Beispiel, um auf diese Weise mehr Geld zu verdienen. Denkbar wäre daher, diese Quote hochzusetzen. Oder eben eine Quote für die befristete Arbeitszeitreduzierung einzuführen, damit die Arbeitgeber sich auf das zur Verfügung stehende Arbeitsvolumen verlassen können. Und auch den Entgeltzuschuss für die unteren Lohngruppen könnte man gegenfinanzieren – in dem man bei den Lohnzuwächsen und Einmalzahlungen bei den obersten Lohngruppen etwas zurückhaltender ist. Das wäre nur fair.

Die Lösungsansätze liegen auf dem Tisch – jetzt muss man sich nur noch verständigen.

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