You Too? Was tun bei sexueller Belästigung am Arbeitsplatz!

Auch wenn die rechtlichen Regelungen klar ist: Oft rutschen Opfer von sexueller Gewalt am Arbeitsplatz in eine fatale Abwärtsspirale aus Scham, Erniedrigung und Erpressung.

Unsplash/Jack Finnigan

Auch wenn die rechtlichen Regelungen klar ist: Oft rutschen Opfer von sexueller Gewalt am Arbeitsplatz in eine fatale Abwärtsspirale aus Scham, Erniedrigung und Erpressung.

Flirt, Anmache oder Übergriff: Nicht immer sind die Grenzen für Betroffene und Täter klar. Zwar gibt es klare rechtliche Regelungen, aber sie greifen in der Realität oft nicht. Wir zeigen, was Frauen und Männer beachten sollten.

Ein Gastbaitrag von Birgitta Wallmann.

Schon seit Wochen rast der Twitter Hashtag #MeToo um die Welt. Tausende von Frauen und Männer machen darunter öffentlich, sexuell belästigt oder sogar vergewaltigt worden zu sein. Ausgelöst wurde diese Netzkampagne von der Schauspielerin Alyssa Milano und ihren prominenten Kolleginnen aus Hollywood. Seitdem vergeht kein Tag ohne eine Flut von Anschuldigungen über sexuelle Belästigungen und Übergriffe, die von prominenten Frauen gegen den mächtigen Filmmogul Harvey Weinstein erhoben werden. Die Liste der Betroffenen ist lang, ein Ende keinesfalls in Sicht. Weltweit geht es um Nötigung, Schläge, aber auch Vergewaltigung. Und während das Thema Sexismus und sexuelle Belästigung gerade eine völlig neue Medienpräsenz erfährt, ist es doch ein altes. Denn sexuelle Belästigungen gehören in der Arbeitswelt zum Alltag. Laut einer Studie der Internationalen Arbeitsorganisation ILO (International Labour Organization) sind innerhalb der EU die Mehrheit der Frauen, aber auch Männer, während der Arbeitszeit schon einmal sexuell belästigt worden. Und anders als in Hollywood sind nur wenige Betroffene bereit, darüber auch öffentlich zu sprechen.

„Viele kennen noch nicht einmal ihre Rechte, haben Angst ihren Job zu verlieren, selbst beschuldigt zu werden oder aber den Ruf eines Kollegen oder Chefs zu schädigen,“ sagt Christine Lüders, Direktorin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes.

Die Frage lautet also nicht, was das Filmbusiness anders machen soll. Die Frage lautet: #YouToo?

Regelungen im AGG

Grundsätzlich ist der Arbeitgeber nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgrundsatz (AGG) dazu verpflichtet, seine Mitarbeiter vor sexuellen Belästigungen zu schützen. Hierzu gehören nach § 3 Abs. 4 AGG unerwünschte sexuelle Handlungen und Aufforderungen, sexuell bestimmte körperliche Berührungen, Bemerkungen sexuellen Inhalts sowie unerwünschtes Zeigen und sichtbares Anbringen von pornographischen Darstellungen. Allerdings kann sexuelle Belästigung in ganz unterschiedlichen Formen auftreten. Problematisch sind dabei immer noch die Grenzfälle, die vom Täter gerne auch verharmlost werden.

Fakt ist aber, dass Übergriffe immer einseitig und gegen den Willen des Opfers geschehen. Deshalb taugen zotige Sprüche, taxierende Blicke oder anzügliche Bemerkungen, die von den Betroffenen als unerwünscht oder entwürdigend erlebt werden, ganz sicher nicht als Flirt oder Kompliment, sondern gelten ganz klar als sexuelle Belästigung. Gleiches gilt für unerwünschte SMS, Emails und physische Übergriffe, wie scheinbar zufällige oder unerwünschte Berührungen. Im Übrigen schützt das AGG den Mitarbeiter nicht nur an seinem betrieblichen Arbeitsplatz, sondern auch auf Geschäftsreisen, Betriebsfeiern und Fahrten zum Arbeitsplatz und schließt auch Videos, Fotos, SMS, E-Mails und Telefonate ein.

Recht versus Realität

Wer sich also von einem Kollegen oder einer Kollegin sexuell belästigt fühlt, kann sich beim Chef, dem Betriebsrat, aber auch bei der Personalabteilung beschweren. Bleibt die Beschwerde beim Arbeitgeber jedoch tatenlos, darf der betroffene Mitarbeiter bei fortlaufender Gehaltszahlung seine Tätigkeit niederlegen. Denn niemand soll schutzlos Belästigungen von Kollegen ausgesetzt sein.

Voraussetzung ist allerdings, dass diese Maßnahme zuvor schriftlich und unter Angabe von Gründen bereits mitgeteilt wurde. Außerdem kann Schadenersatz (Schmerzensgeld, Behandlungskosten) geltend gemacht werden und je nach Ausmaß des Übergriffs auch Strafanzeige erstattet werden. So der Idealfall.

Doch damit ein Opfer auch rechtlich auf der sicheren Seite ist, kommt es – wie so oft in der Juristerei – auf den konkreten Einzelfall an: Auf die Branche, die Unternehmenskultur, aber auch auf die Beteiligten (Achtung Chef!). Denn wer einen bestimmten Status im Unternehmen hat, nutzt dieses Gefälle gerne für seine Zwecke aus und demonstriert dann seine Macht. Je nach Ausmaß der Aktion kann man auf Übergriffe zwar souverän reagieren und den Täter einfach belächeln oder ignorieren. In den meisten Fällen findet sich das Opfer jedoch rasant schnell in einem unheilvollen Hamsterrad der permanenten Scham und Manipulation wieder. Dann alleine Berge zu versetzen, kostet Nerven und meistens auch den Job. Deshalb empfiehlt es sich auch, je nach Situation einen Rechtsanwalt hinzuziehen. Erste Hilfe erhalten die Betroffen aber auch an Hilfstelefonen, wie z.B. bei der Hilfe- und Beratungsstelle der Antidiskriminierungsstelle des Bundes: 030/18 555 1865, um dann gemeinsam geeignete Maßnahmen einzuleiten.

In Sachen „sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz“ gibt es also noch viel zu tun. Twitter Hashtags wie #MeToo oder #Aufschrei setzen zwar kurzfristig etwas in Bewegung, verebben dann aber doch meistens schnell wieder. „Es fehlt in unserer Gesellschaft immer noch an dem entsprechenden Unrechtsbewusstsein”, sagt Christine Lüders. „Viele wissen immer noch nicht, dass jede Form der sexuellen Belästigung im Arbeitsumfeld verboten ist.“ Außerdem sei noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten. Wichtig seien zentrale Clearingstellen, an die sich die Opfer wenden können. Demnach hängt also viel vom Verständnis und dem Bewusstsein eines jeden Einzelnen ab. Und solange noch kein wirklich kultureller Wandel in Sicht ist, lautet vermutlich noch länger die Frage: #YouToo?

Über die Autorin: Birgitta Wallmann ist Juristin und arbeitet als freie Autorin.

Ein Kommentar

  1. Dann hoffe ich mal weiter auf den lang ersehnten Rechtsstaat. Keine Ahnung, wie das früher, also vor einigen Jahrzehnten war. Jedenfalls war ich mir nie einer unerlaubten Handlung bewußt.
    Meine Hoffnung auf Besserung hat sich offensichtlich noch nicht eingestellt. Es wird aber Zeit. Das Alles ist albern. In jeder Hinsicht.
    Und völlig abwegig.

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