Wir alle sind Gina Lisa

Vielfach fürchten Frauen Diffamierungen, wenn sie sich gegen sexuelle Gewalt wehren.

Pixabay / geralt

Vielfach fürchten Frauen Diffamierungen, wenn sie sich gegen sexuelle Gewalt wehren.

Zu den abscheulichsten Nachrichten zählt der derzeit laufende Prozess gegen das Model Gina Lisa Lohfink vor dem Berliner Amtsgericht: Die junge Frau soll laut Medienberichten 24.000 Euro wegen Falschaussage vor Gericht zahlen. Dabei ist ganz offenkundig sie das Opfer einer Vergewaltigung geworden. Und bis vor wenigen Tagen kursierte von der Tat bereits seit vier Jahren ein Video im Netz, in dem sie den Tätern deutlich sagt: “Hör auf!”. Ein klassischer Fall von Victim Blaming.

Gina Lisa Lohfink hatte bereits kurz nach der Tat im Jahr 2012 Anzeige gegen die Männer erstattet. Sie vermutete, dass die Täter ihr K.O.-Tropfen verabreicht hätten, um sich an ihr zu vergehen. Allerdings  ließen sich keine Rückstände von der Substanz mehr nachweisen. Jeder weiß: Das Tückische an K.O.-Tropfen ist, dass sie nur für wenige Stunden im Blut nachweisbar sind.

Und so sahen die Richter im Prozess gegen die beiden Männer nicht genügend Beweise dafür, dass tatsächlich eine Vergewaltigung stattgefunden hatte. Wie der STERN berichtet, könne sich laut der Staatsanwältin das mehrfach geäußerte „Hör auf“ nicht auf den Sex bezogen haben, sondern auf eine konkrete Handlung – der eigentliche Akt könne daher durchaus einvernehmlich gewesen sein.

Und so leitete die Staatsanwaltschaft Berlin nun ein Verfahren wegen Verleumdung gegen Lohfink ein. Sie habe die beiden Männer zu Unrecht bezichtigt, ihr K.O.-Tropfen verabreicht zu haben. Die 29-Jährige legte Einspruch ein, derzeit läuft der Prozess.

Millionen Mal geklick, millionen Mal gedemütigt

Immerhin: Wegen Verstoßes gegen die Persönlichkeitsrechte von Lohfink wurde einer der Männer verurteilt, berichtet Spiegel Online. Das Magazin schreibt auch, dass nur wenige Tage nach der Tat Videoclips, die unter anderem auch Redaktionen angeboten wurde und dabei auch als “Vergewaltungsvideo” beworben worden sein sollen. Später kursierten diese Clips im Netz, unter anderem auch auf Portalen für Pornos. Wir haben das Video nicht angesehen. Mittlerweile wurde es von den Seitenbetreibern entfernt – vier Jahre lang konnten sich geneigte Nutzer die Demütigung allerdings ansehen. Medienberichten zufolge soll ein Clip allein auf der Seite Pornhub mehr als eine Million Mal angeklickt worden sein. Das ist geschmacklos und widerwärtig – so als würde der Missbrauch millionenfach wiederholt werden. Aber wie die FAZ, der STERN, Edition F und die BILD berichten, soll das Opfer in dem Video tatsächlich benebelt und wie unter Drogen gesetzt gewirkt haben – körperlich kaum in der Lage, sich gegen zwei Männer zu wehren.

Fakt ist: Wenn eine Frau deutlich macht, dass sie mit den sexuellen Handlungen nicht einverstanden ist, handelt es sich um eine Vergewaltigung. Das ist in § 177 Strafgesetzbuch (“sexuelle Nötigung / Vergewaltigung”) geregelt. Hier heißt es “Wer eine andere Person unter Ausnutzung einer Lage, in der das Opfer der Einwirkung des Täters schutzlos ausgeliefert ist, nötigt, sexuelle Handlungen des Täters oder eines Dritten an sich zu dulden oder an dem Täter oder einem Dritten vorzunehmen, wird mit Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr bestraft.”

Und plötzlich ist das Opfer der Täter

Allerdings setzt dies voraus, dass das Opfer klar deutlich gemacht hat, dass die Handlungen gegen seinen Willen erfolgen. Genau das dürfte doch auf diesen Fall zutreffen. Aber anscheinend greift im Fall von Lohfink das typische victim blaming, das meist diesem Muster folgt: Das Opfer wehrt sich gegen eine Tat und wird schließlich selbst beschuldigt. Meist heißt es, es habe selbst mitgemacht oder zu spät gesagt, dass es sich belästigt fühlte. Schließlich unterstellt der Mann der Frau unlautere Absichten und lenkt so von der Tat ab (derailing): Die Frau wolle etwa den Ruf des Mannes schädigen. So stilisiert sich der Täter selbst zum Opfer, denn nun ist sein Ruf beschädigt. Verkehrte Welt. Fatal ist auch, wenn das Opfer wie in diesem Fall in einem erotischen Kontext in der Öffentlichkeit bekannt ist. Dann wird einer Frau noch immer unterstellt, ein “leichtes Mädchen” zu sein – und quasi selbst daran Schuld zu sein, wenn sie vergewaltigt wird. Das ist auch hier der Fall: Neben Auftritten als Model, Moderatorin, Schauspielerin und Sängerin machte Lohfink unter anderem Schlagzeilen mit einer Brustvergrößerung und engagierte sich bei einer großen Erotik-Messe als Botschafterin für Safer Sex. Entsprechend hämisch sind die Reaktionen. Manch ist gar davon überzeugt, dass eine solche Frau gar kein Recht dazu habe, Nein zu sagen.

Man kann nur erahnen, wie es der jungen Frau gehen muss. Mutig ist jedoch der Schritt, sich juristisch auf allen Ebenen zu wehren. Und in der Öffentlichkeit um das eigene Ansehen zu kämpfen und diese Öffentlichkeit auch zu nutzen. In den letzten Tagen haben sich Tausende von Frauen (und Männer) unter dem Hashtah #TeamGinaLisa mit Lohfink solidarisiert. Wenn der Prozess weitergeht, soll es sogar Demonstrationen vor dem Amtsgericht in Berlin geben.

Reform des Sexualstrafrecht überfällig

Ein wichtiges und richtiges Zeichen – denn das gesellschaftliche Denken muss sich dringend ändern. Schließlich heißt Nein tatsächlich nein. Eine jede Frau hat das Recht, selbst darüber zu bestimmen, mit wem sie Geschlechtsverkehr haben möchte und mit wem nicht. Wer eine Verurteilung in der Öffentlichkeit, fatale finanzielle Strafen, eine völlige Zerstörung des eigenen Rufs befürchten muss – der wird sich gegen sexuelle Gewalt kaum wehren. Dabei ist die heutige Rechtslage ohnehin ein Skandal. Nur ein Bruchteil aller Taten wird überhaupt zur Anzeige gebracht. Wie Bundesrichter Thomas Fischer auf ZEIT ONLINE schreibt, gibt es pro Jahr “in Deutschland etwa 6.500 von der Polizei wegen sexueller Nötigung/Vergewaltigung ermittelte Tatverdächtige. Etwa 1.000 Personen werden deshalb auch verurteilt. Die meisten Verfahren werden mangels hinreichenden Tatverdachts eingestellt; ein paar Hundert Beschuldigte werden – aus den unterschiedlichsten Gründen, die nirgendwo erfasst werden – freigesprochen.” Zwar behauptet Fischer es gebe keine Gesetzeslücke im Sexualstrafrecht. Bundesjustizminister Heiko Maaß (SPD) und Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) sind da allerdings ganz anderer Meinung. Sie wollen das Gesetz novellieren – und es Frauen künftig erleichtern, gegen sexuelle Gewalt vorzugehen. Genau das ist der richige Schritt aus der Politik: Denn gesetzliche Rahmenbedingungen können auch ein gesellschaftliches Klima verändern.

Eines sollte jeder Frau klar sein: Wir alle sind Gina Lisa Lohfink, denn uns allen kann genau dies geschehen.

9 Kommentare

  1. nein heißt nein! ausnahmslos!
    beschämend, dass das immer noch diskutiert wird und noch nicht gesetzlich verankert ist!

  2. auch von mir 100% Zustimmung. Ich finde gar nicht die passenden Worte um auszudrücken, wie menschenunwürdig ich den Umgang mit Frau Lohfink finde. Es ist einfach unglaublich.

  3. Sehr richtig – und es war spät und die Autorin noch ziemlich wütend über diesen Fall. Danke für den Hinweis. Wir haben es korrigiert. -Die Redaktion

  4. Immer dieses Argument, “sie hat es ja gewollt”. Unsere patriarchische Gesellschaft betrachtet Frauen wie Gina Lisa gerne als so etwas wie öffentlich zugängliches Frischfleisch, mit dem jeder machen kann, was er will. Und das nur, weil sie sich “provokativ” anzieht oder verhält. Selbstverständlich hat jede Frau das Recht, nein zu sagen und ihr Körper gehört ihr und ihr alleine. Danke für den tollen Artikel!

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