Wir brauche eine klare Trennung zwischen Arbeit und Leben

Modernes Großraumbüro: Viele Beschäftigte sind abends von der Arbeit so erschöpft, dass sie kein Privatleben mehr haben. Schuld daran sind auch die Arbeitsbedingungen.

Unsplash / Alex Kotliarskyi

Modernes Großraumbüro: Viele Beschäftigte sind abends von der Arbeit so erschöpft, dass sie kein Privatleben mehr haben. Schuld daran sind auch die Arbeitsbedingungen.

Fast jeder zweite Beschäftigte ist abends so erschöpft, dass das Privatleben darunter leidet, stellt der neue DGB-Index Gute Arbeit fest. Wir brauchen daher Arbeitszeiten, die Arbeit und Leben klar trennen.

Die IG-Metall fordert in ihren Tarifverhandlungen neben sechs Prozent mehr Lohn auch ein Recht auf eine befristete Arbeitszeitverkürzung – Beschäftigte sollen für bis zu zwei Jahre nur 28 Stunden in der Woche arbeiten können. Wer kleine Kinder oder pflegebedürftige Angehörige zu betreuen hat, soll dafür auch noch 200 Euro als Zuschuss vom Arbeitgeber erhalten. Spinnt die Gewerkschaft? Nein, ihre Forderung ist richtig und trifft den Nerv vieler Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.

41 Prozent der Beschäftigten sind nach der Arbeit so erschöpft, dass sie sich nicht mehr um private oder familiäre Angelegenheiten kümmern können, stellt der aktuelle DGB-Index Gute Arbeit fest. Besonders belastet sind berufstätige Eltern (hier vor allem die Frauen) und Beschäftigte, die ihre Angehörigen pflegen. Aber auch viele andere fühlen sich permanent gestresst. So sehr, dass jeder Dritte unter Schlafstörungen leidet, wie die neue Schlaf-Studie der Techniker Krankenkasse zeigt.

Wir schuften uns kaputt

Ein Hauptgrund dafür ist die Lage und Länge der Arbeitszeit. Kein Wunder: Immer mehr Menschen arbeiten abends, nachts, am Wochenende, im Urlaub und an Sonn- und Feiertagen und in Schichtarbeit. Zugleich steigt die Zahl der Überstunden: Gute 1,8 Milliarden Überstunden haben die Beschäftigten hierzulande allein im Jahr 2015 geleistet, hat das IAB festgestellt. Nur die Hälfte davon wird bezahlt und längst nicht alle ausgeglichen. Und dennoch fordern die Arbeitgeber, aber auch die FDP die Arbeitszeit stärker zu flexibilisieren und die gesetzlich vorgeschriebenen Ruhezeiten abzuschaffen. So soll Mitarbeitern eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglicht werden. Wer nachmittags früher geht, um sich um die Kinder zu kümmern, soll abends noch Emails beantworten dürfen, argumentieren die Arbeitgeber.

Nur: Genau das wünschen sich viele Beschäftigte gerade nicht, zeigt der DGB-Index. Vielmehr wird eine klare Grenze zwischen Arbeit und Leben gewünscht. Und eben kein Ausfransen und eine ständige Ansprechbarkeit, in der man so schnell wie möglich seine Sorgearbeit zu Hause verrichtet, um am späten Abend noch den Rest aufzuarbeiten.

Der Vorstoß der IG Metall lenkt die Debatte daher in eine Richtung, in die lange nicht geblickt wurde: Lasst uns die Arbeitszeit endlich wieder verkürzen und nicht weiter verlängern oder sie nur flexibilisieren, wodurch der Stress noch größer wird.

Doch Tarifverträge sind das eine. Sie greifen überall da, wo Unternehmen Tarifbindung haben und wo es starke Flächentarife wie etwa von der IG Metall gibt. Aber in immer mehr Branchen sind diese löchrig geworden. Und es gibt immer mehr Betriebe, die gar nicht mehr tarifgebunden sind.

Flexibiliserung? Aber nur mit Mitbestimmung

Da, wo tarifliche Bedingungen ausfransen, sind Arbeitnehmer auf sich gestellt. Sie würden daher von einem Arbeitszeitgesetz und einem Teilzeit- und Befristungsgesetz profitieren, das ihnen einen Rechtsanspruch auf eine befristete Verkürzung der Arbeitszeit gibt oder auch ein freiwilliges Unterlaufen der Ruhezeiten, ohne dass sie ihren generellen Anspruch auf diese verlieren. Entscheidend dabei ist, dass das Mitspracherecht der Beschäftigten ausdrücklich im Gesetz verankert ist und eine Flexibilisierung nicht nur deshalb einfach ermöglicht wird, weil heutige Regelungen aufgeweicht werden.

Zugleich bleiben Gewerkschaften wichtig. Denn nur sie können tarifliche Kompensationen für eine Arbeitszeitverkürzung verhandeln. Dass die Arbeitgeber einen Beitrag leisten sollten, liegt schon in ihrem Eigeninteresse: Da, wo Fachkräfte rar werden, müssen Unternehmen den Beschäftigten etwas bieten, um sie zu halten. Und die immer fetter werdenden Unternehmensgewinne geben das her.

Begrüßenswert wäre außerdem, wenn die Politik mehr tun würde. Vorschläge wie beispielsweise ein Familienzeitgesetz mit einer Lohnersatzleistung ähnlich dem Elterngeld liegen schon lange auf dem Tisch. Überlegenswert könnten auch steuerliche Anreize für Unternehmen sein, wenn sie Beschäftigten in der lebensphasenbedingten Arbeitszeitverkürzung einen Zuschuss zahlen. Und auch eine Allgemeinverbindlichkeitserklärung von Tarifverträgen wäre ein geeignetes Instrument, um den Interessen von Beschäftigten und Unternehmen entgegenzukommen.

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