„Wer tut, was er liebt, entscheidet sich für das Glück“

Nelly Kostadinova

"Am Wichtigsten ist, sich selbst und das zu finden, was einen erfüllt", so Nelly Kostadinova.

Als die politische Wende im Osten die Grenzen öffnet, gibt es für Nelly Kostadinova kein Halten mehr. Sie gründet ihr Unternehmen in Deutschland und expandiert bis nach Afrika. Ein Weg, den sie trotz diverser Hürden nie bereut hat.

Nelly Kostadinova unterstützt seit über 20 Jahren Unternehmen und Organisationen bei der Arbeit und Expansion in Länder der ganzen Welt – mit Übersetzungs- und Dolmetsch-Dienstleistungen sowie ihrem Lokalisierungs-Service. Gemeinsam mit ihrem Team sorgt die Unternehmerin dafür, dass Kunden und Partner nicht nur alle sprachlichen Hürden meistern, sondern auch mit dem notwendigen regionalen Know-how und einer Sensibilität für die Mentalitätsunterschiede versorgt sind. Ihr Unternehmen Lingua-World expandiert seit Jahren auf den afrikanischen Kontinent, dabei hilft die Chefin selbst, den Wandel vor Ort in Ländern wie Südafrika oder Ruanda zu unterstützen.

 

die Chefin: Warum machen Sie, was Sie machen?

Nelly Kostadinova: Ich war schon immer davon fasziniert, über Landesgrenzen hinauszuschauen. Doch vor der politischen Wende im Osten konnte ich nicht einmal mein Heimatland Bulgarien verlassen. Kaum aber hatte ich einen Reisepass, gab es für mich kein Halten mehr. Hinzu kam, dass auch das Internet als Kommunikationsmittel einfach Grenzen einriss – wenn auch zunächst mit lauten und langsamen Modems –, so dass ich von Deutschland aus auf der ganzen Welt agieren konnte. Und obwohl viele mahnten, dass der Dolmetschermarkt bereits gesättigt war, fand ich für mich eine Nische – und stellte mein Unternehmen innerhalb eines Jahres auf stabile Beine.

die Chefin: Wurden Sie auf Ihrem Weg unterstützt

Kostadinova: Meine ganze Familie hat mich von Anfang an unterstützt. So hat mein Mann an mich und meine Visionen geglaubt. Und auch meine Kinder haben mich durch die Begeisterung, mit der sie meine Visionen teilten, stets inspiriert.

Aber vor allem hatte ich das Glück, dass ich in Deutschland von Anfang an sehr viele Menschen getroffen habe, die mir ganz praktisch geholfen haben. Alle zeigten Interesse für meine Geschichte und meinen Werdegang, haben mich vermittelt oder weiterempfohlen. Ich durfte Diplomaten in Bulgarisch unterrichten, Artikel für großen Zeitungen schreiben, Reiseführer übersetzen und für die Polizei dolmetschen. Als ich 2010 mit dem Victress Role Model Award ausgezeichnet und gefragt wurde, wer mir den Mut gegeben hat, meine Visionen umzusetzen, konnte ich sagen, dass vor allem Deutschland und seine Bürger mich unterstützt haben und mir stets mit Warmherzigkeit begegnet sind.


In der Serie 6 aus 49 beantworten 49 weibliche Führungskräfte sechs Fragen zu ihrem persönlichen Karriereweg.


die Chefin: Gab es auf Ihrem Weg Hürden?

Kostadinova: Die größte Hürde bestand darin, ohne Startkapital eine Firma zu gründen. Als ich zum ersten Mal bei einer Agentur unterschrieb, die für mich Werbung machen sollte, standen im Vertrag 20.000 D-Mark. Obwohl ich gar kein Geld hatte, unterschrieb ich. Meine Entscheidung, ein richtiges Unternehmen zu gründen, das wachsen kann, war gefällt. Eine kluge Investition, wie sich herausstellte. Im nächsten Jahr erhöhte sich mein Auftragsvolumen auf 60.000 D-Mark, später auf 120.000 und dann auf 200.000 D-Mark.

die Chefin: Auf welche Ihrer Eigenschaften sind Sie stolz und warum?

Kostadinova: Ich habe jede Menge Energie und bin beharrlich. Das spüren die Menschen, mit denen ich zusammenarbeite. Deshalb gelingt mir vieles, was Gutes nach sich zieht. Und auch wenn ich sehr energisch sein kann, bleibe ich trotzdem immer liebevoll. Deshalb ist mir wichtig, meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu unterstützen, wo ich kann. Diese gute Energie, die ich Menschen entgegenbringe, bekomme ich auch zurück.

Ferner bin ich dankbar dafür, dass mein Unternehmen mich zu einer Kosmopolitin gemacht hat. Ich mag die ständige Beweglichkeit, das Reisen sowie das Eintauchen in fremde Kulturen. Jeder Schritt in ein neues Land, und daraus resultierend die Zusammenarbeit mit einer zunächst unbekannten Lebensart, begeistert mich. Ich liebe es, Wege zu gehen, die bisher nur wenige gegangen sind. Und zwischen Menschen und Kulturen Brücken zu bauen, die auf den ersten Blick weit voneinander entfernt liegen.

Dabei schenkt mir jedes Land neue Eindrücke und Einblicke in eine zunächst fremde Welt. Mein Ziel ist daher immer, diesen Ländern auch vor Ort etwas zurückzugeben – sei es durch die Schaffung von Arbeitsplätzen, wo sie dringend gebraucht werden, oder durch die Eröffnung einer Computerschule in den Townships von Johannesburg.

die Chefin: Was war der beste Rat, den Sie je bekommen haben?

Kostadinova: Eine Lehrerin, bei der ich im Literaturstudium eine Unterrichtsprüfung ablegen musste, gab mir die Note 1. Danach kam sie jedoch zu mir und sagte: „Sie dürfen nie Lehrerin werden. Der Klassenraum ist zu klein für Sie.“ Zunächst verstand ich gar nicht, was sie mir damit sagen wollte. Sie hatte mich doch sehr gut bewertet und mir machte das Unterrichten viel Spaß. Aber mit der Zeit wurde mir klar, dass sie meine Energie gesehen und mich in die richtige Richtung geschubst hatte, um sie frei lassen zu können.

die Chefin: Was raten Sie dem Nachwuchs?

Kostadinova: Am Wichtigsten ist, sich selbst und das zu finden, was einen erfüllt. Denn wer tut, was er liebt, entscheidet sich für das Glück.

Passend zum Thema