Warum uns die Opferrolle nicht weiter bringt

Wer sich mental nicht mehr als Opfer sieht, tut einen ersten Schritt, Machtverhältnisse zu ändern.

Unsplash / Ryan Moreno

Wer sich mental nicht mehr als Opfer sieht, tut einen ersten Schritt, Machtverhältnisse zu ändern.

Unter #MeToo sprechen Frauen weltweit über ihre Erfahrungen mit Sexismus. Wie schon bei #Aufschrei 2013 in Deutschland hat sich am Alltagssexismus wenig verändert. Doch die Opferrolle bringt uns nichts.

Ja, Sexismus begegnet uns Frauen Tag für Tag. Wir erleben ihn auf dem Weg zur Arbeit und bei der Arbeit, in unserer Freizeit und sogar in der Familie und unter Freunden. Doch sich darüber zu echauffieren, dass ein Kompliment, das auf das Äußere abzielt, eine Frau (und übrigens auch einen Mann) immer auch zu einem Objekt macht, hilft nicht.

Man kann die Übergriffe eines Harvey Weinstein mit den ungeschickten und durchaus sexistischen Äußerung gegenüber der Staatssekretärin Sawsan Chebli vergleichen, auch wenn Kritiker behaupten, hier gebe es eklatante Unterschiede in der Qualität der Herabwürdigung. Weinstein soll Frauen sexuell belästigt, ihnen nachgestellt und vieles mehr getan haben. Seine Opfer wurden nicht nur verbal herabgewürdigt. Chebli wurde “nur” in ihrer beruflichen Funktion nicht ernst genommen und ihr Alter, ihr Geschlecht und ihr Aussehen wurden völlig unpassend thematisiert, obwohl alles drei keine Rolle spielte.

Sich nicht mehr zum Opfer machen (lassen)

Beide Fälle stellen Grenzüberschreitungen dar – keine Frage. Sie stehen aber für mehr: als Symbol für ein leider trauriges Phänomen: Nämlich dass Frauen immer noch viel zu oft zu einem Objekt gemacht werden. Und sich zum Objekt und letztlich auch zum Opfer machen lassen.

Doch eine fast ritualisierte Empörung und das Bekennen, Opfer geworden zu sein – und das alles noch per Hashtag in sozialen Medien hilft nicht viel und verändert auch nichts. Es mag vielleicht einen kartharsischen Effekt haben – besonders für Frauen, die unter den Erfahrungen leiden und sich erst im Klima einer scheinbaren Massenbewegung in sozialen Medien zu sprechen trauen. Aber die öffentliche Empörung, das Anprangern und Lamentieren ändert weder etwas an Geschlechterstereotypen noch an den bestehenden Machtverhältnissen zwischen den Geschlechtern. Im Gegenteil, das Bild der Frau als (wehrloses?) Opfer verfestigt sich. Und das steht einer Selbstermächtigung diametral entgegen und raubt vielen Frauen die Chance, aus der Opferrolle auszusteigen. Viele Frauen sind gerade da, wo es um Alltagssexismus im Job geht, viel zu angepasst. Sie schweigen aus Angst und sind nicht solidarisch. Und das führt zur Aufrechterhaltung des Status Quo.

Den Mund aufmachen

Statt zu Lamentieren und im Schutze eines Massen-Hashtags über Opfererfahrungen zu sprechen sollten wir lieber lernen, sofort den Mund aufzumachen. Den Mut haben, unseren Raum einzufordern und einzunehmen und im Moment des Geschehens ein Stopschild aufstellen und die Tat benennen.

Und wir sollten uns ehrlich machen: Fakt ist nun mal, dass Macht immer auch eine sexuelle Komponente in einer patriachalen Welt hat. Das ist ebenso noch viel zu oft ein Tabu wie die Tatsache, dass es Frauen gibt, die sich dies zu nutze machen – und sich “mit den Waffen einer Frau”, wie es so schön heißt, vermeintliche Vorteile verschaffen. Wer als Frau bereit ist, das zuzugeben, wer bereit ist, selbstermächtigt zu handeln und selbstbewusst Grenzen setzt, steigt aus der Opferrolle aus. Und das ist ein wichtiger Schritt, um bestehende Machtverhältnisse nachhaltig zu ändern.

Ein Kommentar

  1. Sagen, was ist und was geschehen ist, hat nichts mit dem Annehmen einer Opferrolle zu tun.
    Sich in der konkreten Situation – wenn möglich – zu wehren, steht ebenfalls nicht in Widerstreit dazu, öffentlich zu machen, auch bei #metoo, was andere getan haben.
    “Frauen gehen damit in die Opferrolle” ist doch oft nur ein Totschlagargument von Tätern, warum ihr Verhalten nicht thematisiert werden darf.

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