Vereinbarkeit? Geht alles gar nicht!

Die Journalisten Heinrich Wefing (l.) und Marc Brost

Anatol Kotte

Die Journalisten Heinrich Wefing (l.) und Marc Brost

Es ist morgens, kurz nach sieben, und dein Sohn ist krank. Nichts Ernstes, nur eine Sommergrippe, aber er ist ziemlich blass, rasselnder Husten, die Nase läuft die ganze Zeit. Er hat keinen Appetit, auch kein Fieber, zum Glück. Er kann aufstehen, wahrscheinlich würde er sogar mit seinen Kumpels Fußball spielen, wenn die nicht alle in die Schule gingen. Aber dein Sohn kann heute nicht in die Schule, nicht mit dieser Erkältung. Keine Chance.

Dieser Gastbeitrag ist ein Auszug aus dem neuen Buch Geht alles gar nicht von Marc Brost und Heinrich Wefing.

Das Dumme ist nur, dass du heute weg musst, eine Dienstreise. Auch deine Frau ist unterwegs, sie wird erst abends um halb neun wieder da sein. Na prima. Gut wäre es jetzt, eine Oma in der Nähe zu haben, oder einen Opa. Doch die leben anderswo. Und die Nachbarin, zu der dein Sohn gerne geht, muss heute ebenfalls arbeiten. Was also tun?

Dein Sohn ist elf. Er ist nicht schwer krank. Er liest gern, mittags kann er sich eine Pizza bestellen, es wird schon irgendwie gehen, er wird sich allenfalls langweilen. Das ist der erste Gedanke, der dir durch den Kopf geht. Sagen wir: Es ist die Stimme desKapitalismus. Oder: Die Stimme deines Ehrgeizes. Doch dann ist da noch ein anderer Gedanke, einer, der sich festbeißt, der die Sache gleich viel komplizierter macht. Du erinnerst dich an damals, als du selbst elf warst und manchmal krank im Bett lagst. Du erinnerst dich daran, wie schön das war, wenn zwischendurch deine Mutter mal reinschaute, einen Apfel brachte oder ein paar Kekse. Ein Glas Saft. Mittags ein warmes Essen, selbst gekocht. Du warst nicht allein. Musstest dich um nichts kümmern. Schön war das. Und während du noch den Erinnerungen nachhängst, fängst du an zu rechnen: Welche Termine könntest du verschieben, welche würden platzen, wenn sie heute nicht stattfinden? Wie viel Aufwand bedeutet das? Wie viel Ärger? Wenn du ehrlich bist, fragst du dich natürlich auch: Warum soll ich daheim bleiben, warum fährt meine Frau? Warum quäle ich mich mit Sentimentalitäten und schlechtem Gewissen? Und sie nicht? Welche Termine sind eigentlich wichtiger? Ihre? Deine? Und was ist jetzt mit eurem Sohn?

Wessen Termine sind wichtiger?

Und im Grunde weißt du auch: Sie ringt natürlich mit denselben Fragen. Es ist der alltägliche Wahnsinn. Das übliche Dilemma. Nur eine kleine Abweichung vom sorgsam ausgetüftelten Tagesplan – und der Stress beginnt: Das Umorganisieren. Die Notfallhektik. Die unausgesprochenen Vorwürfe. Das gegenseitige Aufrechnen. Der Ärger. Und das Ganze natürlich unter Zeitdruck, denn die Züge warten ja nicht, und die Termine auch nicht. Die Lösung ist dann auch die übliche. Der Kapitalismus siegt: Deine Frau fährt. Du fährst. Dein Sohn bleibt allein zu Hause. Er wird sich eine Pizza Margherita bestellen, mit extra viel Basilikum. Du wirst zweimal mit ihm telefonieren, zwischen den Terminen. Er wird soweit okay klingen. Und ob die Termine irgendwas gebracht haben, wirst du übermorgen schon nicht mehr wissen. Natürlich hättest du dich auch anders entscheiden können. Womöglich hätte dein Chef gar nicht gemeckert. Aber dennoch bohrt da immer die Frage: Wie häufig kann ich absagen, ausfallen? Wann wird es zu häufig? Wann kommen die spöttischen Ansagen, die hochgezogenen Augenbrauen? Wie viel Nachsicht haben meine Gesprächspartner, meine Kunden? Das sind ja auch alles Leute mit vollgestopften Terminkalendern. Und du weißt auch: Wenn du jetzt daheim bleibst, dann fällt es beim nächsten Mal schwerer, es wieder zu tun. Selbst wenn das Kind dann schlimmer krank sein sollte. Oder wenn es dir selbst einmal schlecht geht. Auch das musst du kalkulieren. Jeder muss das, immer wieder.

Wir haben uns ziemlich komplizierte Leben gebaut. Leben, in denen nicht nur die Zeit extrem knapp ist, sondern in denen wir auch noch ständig unsere eigenen Interessen, Bedürfnisse, Ambitionen mit denen unserer Kinder und Partner austarieren müssen – von den Anforderungen unserer Arbeitgeber ganz zu schweigen.

Uns fehlen die Selbstverständlichkeiten

Unser Chef verlangt Flexibilität und Engagement, Leidenschaft und Engagement. Unsere Kinder wünschen sich Zeit, Aufmerksamkeit, Geborgenheit. Unsere Partnerin braucht Liebe, Zärtlichkeit, Anerkennung. Wir selbst müssen immer wieder Ehrgeiz und Achtsamkeit, Perfektionismus und Wurschtigkeit ausbalancieren. Und unser Körper schreit nach Schlaf. Schlaf. Schlaf. Alle diese Bedürfnisse, unsere eigenen und die der anderen, wandeln sich permanent (bis auf das Schlafdefizit, das geht nicht mehr weg). Ständig müssen wir ausknobeln, was heute Vorrang hat. Es ist ein wenig, als würden wir dauernd Blitzschach gegen uns selbst spielen, immer in Eile, dauernd unter Druck. Ständig versuchen wir, die Folgen unserer Züge vorauszuberechnen und Fehler zu vermeiden. Es gibt kaum Routinen, es gibt viel zu wenig Standardabläufe, die wir ohne großes Nachdenken einfach abspulen können. Jede Irritation bedroht das System, jede Überraschung führt uns fast schon ans Limit. Uns fehlen die Selbstverständlichkeiten, das Verlässliche und Entlastende fester Strukturen.

Für die längste Zeit im zwanzigsten Jahrhundert gab es in den westlichen Gesellschaften ein weithin akzeptiertes Modell für Familien, also für die Organisation von ökonomischer Absicherung, Kindererziehung und Sex: Der Mann arbeitete und verdiente, die Frau gebar die Kinder und zog sie groß. Das war die Norm, die von Kirchen, Politikern und Arbeitgebern propagiert wurde. Das Familien- und Steuerrecht, die Architektur, die Fantasien der Unterhaltungsindustrie, die Bilder der Werbung – alles folgte diesem Modell.

Nun jedoch zerfällt dieses Modell vor unseren Augen, aus tausend Gründen, über die wir nicht viel sagen müssen: höhere Bildung; die Erfindung der Pille; der wachsende Wohlstand, der es Frauen erlaubt hat, sich aus der wirtschaftlichen Abhängigkeit von Männern zu befreien; und manches mehr. Das alles ist gut, es gibt Millionen Menschen mehr Chancen und größere Freiheit. Niemand will das zurückdrehen, wir jedenfalls nicht. Aber wir sehen auch, dass es noch keine funktionierende neue Arbeitsteilung gibt. Wir sind, wenn man so will, Pioniere. Auf einer Entdeckungsreise durch ein großartiges, unerforschtes Land. Jeder Tag dort ist anders. Überall lauern Überraschungen, jeder muss seinen Lebensweg selbst suchen. Das ist schwierig, manchmal geht es schief.

Vorbilder gesucht

Zwei Schritte vor, drei zur Seite, einen zurück. Und keiner kann uns sagen, ob wir überhaupt auf dem richtigen Weg sind, ob wir nicht in die Irre laufen. Und was uns unterwegs verloren geht. Es wird ja häufig, und zu Recht, beklagt, dass es kaum funktionierende Rollenvorbilder für Frauen gibt, die versuchen wollen, Beruf, Kinder und Partnerschaft halbwegs erfolgreich miteinander zu verbinden. Oder wenigstens nicht dabei unterzugehen. Viel seltener wird jedoch erwähnt, dasselbe gilt mittlerweile auch für Männer. Wo wäre der Mann, an dem wir uns orientieren könnten? Ein Typ, der gut in seinem Job ist, sich zärtlich um seine Kinder kümmert und seine Liebste mit Aufmerksamkeit verwöhnt, ohne über alledem selbst zu kurz zu kommen? Wo ist dieser fabelhafte Typ? Wo?

Unsere eigenen Väter? Fallen als Vorbilder praktisch aus – die Zeiten waren einfach andere, die Jobs, die Lebensentwürfe. Unsere Chefs? Ackern eher noch mehr als wir. Hierarchie verpflichtet. Unsere Politiker? Haben Achtzig-Stunden-Wochen, fliegen durch die Welt, geben schon frühmorgens Radio-Interviews, hocken abends in den Talkshows und hetzen am Wochenende durch den Wahlkreis. Auch alle populären Helden des Alltags, die Ikonen der Unterhaltungsindustrie: Fußballprofis, Schauspieler, Popstars, demonstrieren, dass sie rund um die Uhr verfügbar sind, wann immer es sein muss. Sie spielen am Wochenende, treten nachts auf, drehen fern der Heimat, und ihre Frauen dürfen allenfalls zu festgesetzten Zeiten im Trainingslager hübsch aussehen. Und komme uns bloß niemand mit Brad Pitt, der gemeinsam mit seiner Frau Angelina Jolie und einer Horde von Kindern, Betreuern und Bodyguards um die Welt tingelt. Abgesehen davon, dass wir so eher nicht leben wollen – als Vorbild für Normalverdiener taugt der Hollywood-Star etwa so gut wie Frau von der Leyen für eine alleinerziehende Altenpflegerin. Aber es sind ja nicht nur die Repräsentanten der Scheinwelt, die beinharte Professionalität demonstrieren. Auch seriöse Wissenschaftler, erfolgreiche Ärzte, Juristen oder Architekten tragen ihren Dauereinsatz, ihre globalen Dienstreisen, ihre erprobte Zeitnot immer noch wie Ehrenzeichen vor sich her. Hacker und Computernerds trinken literweise Club Mate, um ohne Schlaf auszukommen, wenn sie das nächste große Ding programmieren.

Erfolg macht sexy, Misserfolg einsam

Bei Google und Facebook und den anderen kalifornischen Internet-Giganten kann man die Wäsche im Büro zur Reinigung geben, damit noch ein paar Minuten mehr für den Job rausspringen. Immer und überall wird demonstriert: die Logik der Arbeit geht der Logik des Privaten vor. Mehr noch, in Wahrheit beherrscht die Logik der Arbeit ja sogar das Privateste, die intimsten Lebensentscheidungen. Beruflich erfolgreiche Männer nämlich finden leichter attraktive Partnerinnen. Viele Studien belegen das. „Erfolg macht sexy, Misserfolg einsam – diese brutale Regel des Beziehungsmarktes gilt nicht immer, aber für Männer häufiger als für Frauen“, schrieb unsere Kollegin Elisabeth Niejahr im Herbst 2014 in einer Titelgeschichte der ZEIT: „Partnerschaften, bei denen der Mann weniger verdient als die Frau, scheitern überdurchschnittlich oft. Mehrere Umfragen zeigen, dass Frauen aller Altersgruppen sich nach wie vor Partner mit Geld, Karriere und Status wünschen.“

Auch der Münchner Paartherapeut Stefan Woinoff bestätigt das: „Insbesondere Frauen, die eine Familie gründen wollen, neigen immer noch dazu, einen Versorger zu suchen“, erklärte er in einem Interview mit dem Spiegel, „sprich einen Mann, der beruflich erfolgreicher ist und mehr Geld nach Hause bringt als sie.“ Woinoff nennt es „das archaische Beuteschema“.

Dass das nicht nur eine soziologische Zuspitzung ist, eine akademische Pointe, sondern tatsächlich etwas mit der Realität von Liebe und Beziehungen und Attraktivität zu tun hat, lässt sich leicht überprüfen. Wir müssen dazu nur einmal die attraktiven, selbst durchaus erfolgreichen Kolleginnen beobachten, die leuchtende Augen bekommen, wenn von Don Draper die Rede ist, der smarten Hauptfigur aus der US-Serie „Mad Men“: ein gefühlskalter Typ, der Frauen nur benutzt, aber dennoch als super-erotisch gilt. Oder wir lesen bei Nina Pauer in der ZEIT, dass sensible Männer den Frauen das Leben vermiesen: „Auf die junge Frau wirkt die neue männliche Innerlichkeit, das subtile Nachhorchen in die tiefsten Windungen der Gefühlsregungen schrecklich kompliziert. Und auf die Dauer furchtbar unsexy“. Wer wollte einem Mann widersprechen, der aus diesen klaren ökonomischen und erotischen Signalen den Schluss zieht: Wenn ich mich beruflich ordentlich reinhänge, dann klappt es schon mit der Karriere. Und ich bekomme eine schöne und interessante Frau.

Die widersprüchlichen Anforderungen an den Mann

Aber selbst wenn das so einfach funktioniert, fangen danach die Probleme an. Denn sobald ein moderner Mann einen gut bezahlten Job ergattert, eine attraktive, selbstbewusste Frau erobert und mit ihr ein Kind gezeugt hat, wandeln sich die Anforderungen dramatisch. Genauer: Zu den bisherigen kommen neue hinzu, allerdings solche, die den ursprünglichen ziemlich diametral entgegenstehen. Nun nämlich sollen wir auch: weniger arbeiten, stattdessen mehr Zeit mit ihr und den Kindern verbringen. Wir sollen: Windeln wechseln, bei den Hausaufgaben helfen, das Kind am Nachmittag von der Schule abholen oder zum Arzt bringen, wenn die nächste Impfung ansteht. Wir sollen: Zuhören, wenn unsere Partnerin von ihren Sorgen erzählt. Zuhause bleiben, wenn sie mit ihrer besten Freundin ausgeht. Den Abwasch erledigen, die Wohnung aufräumen und die Hemden selber bügeln. Und wir wollen das alles ja auch. Weil wir unsere Frauen und unsere Kinder lieben. Und vielleicht auch, weil wir in tausend Büchern lesen, dass unsere Kinder profitieren würden, wenn wir uns als Väter besonders engagieren – das mache sie einfühlsamer, selbstbewusster und intelligenter als die Kinder von wenig präsenten Männern.

Wenn das keine widersprüchlichen Signale sind, was dann?

Richtig kompliziert wird die Sache aber, weil es keine selbstverständlichen Hierarchien bei den Anforderungen gibt, keinen halbwegs natürlichen Vorrang des einen Wunsches vor dem anderen. Wahrscheinlich würden wir zwar gern behaupten, die Kinder stünden stets an erster Stelle. Aber in Wahrheit stimmt das nicht. Wer hat nicht schon einmal ein weinendes Kind zurückgelassen, zu Hause, in der Kita, bei den Nachbarn, obwohl es geschrieen hat: „Du darfst nicht weggehen!“? Jetzt kann man einwenden: Klar, an der Tür der Kita machen sie immer ein bisschen Show, doch eigentlich gehen sie ganz gerne dahin. Das Geheule muss man nicht so schwer nehmen. Und wenn es mal wirklich ernst ist, dann sind wir Eltern ja doch da. Selbst wenn das keine Ausrede ist, kein verzweifelter Versuch, das eigene schlechte Gewissen zu überlisten: Es ist eben auch wieder ein Abwägen – wann ist es so schlimm, dass ich vom Schreibtisch loshetzen und das Kind abholen muss? Und wer springt dann auf und rast aus dem Büro? Die Mutter oder der Vater? Bei wem passt es gerade besser? Oder, sagen wir: Etwas weniger schlecht?

Alles Lügner, diese Super-Daddys

Immerfort müssen wir abwägen, aushandeln, umdisponieren, und natürlich quält uns bei jeder Entscheidung die Frage: Treffe ich die richtige Wahl? Was folgt daraus? Was, wenn ich mich doch anders entscheide? Und warum, zum Teufel, muss ich mich überhaupt dauernd entscheiden. Es ist, pathetisch gesagt, der Fluch der Freiheit. Der Preis dafür, dass wir die alten Gewissheiten, die tradierten Muster aufgegeben haben, dass heute jeder leben kann, wie er mag. Jeder Mann und jede Frau. Es gibt nicht mehr, fast schon trivial, das zu sagen, den einen Weg, der für alle  passt. Keine verbindliche Norm, nur wenige funktionierende Rollenbilder. Und was machen wir nun mit all diesen widerstreitenden Rollenerwartungen? Immer mal wieder vor allem eins: Wir machen uns lächerlich. “Wir laufen Marathon, trinken Rhabarbersaftschorle und schieben Designkinderwagen. Wir wollen alles richtig machen und wissen nicht mehr, was richtig ist“, schreibt der Berliner Autor Matthias Lohre in seinem Buch „Milde Kerle“. Wir werden zu „Super-Daddys”, wie der Autor Jörg Menke-Peitzmeyer in seinem Theaterstück „Ich bin ein guter Vater“ ätzt: „Diese Super-Daddys mit den Hosenklammern am rechten Bein, damit die Kettenschmiere vom Fahrrad ihnen nicht den teuren Anzug versaut, wenn sie ihre Kinder in den Kindergarten oder in die Schule bringen. Diese Supersuper-Daddys, die mit ihren Kindern Hausaufgaben machen, Drachen steigen lassen und ihnen Gutenachtgeschichten vorlesen. Alles Lügner, diese Super-Daddys.“

Vor allem aber, und das ist viel wichtiger, passiert noch etwas anderes. Die Verwirrung der Anforderungen und Erwartungen, der fremden und der eigenen, produziert auf Dauer: Stress. Und Ärger. Und Streit. Dann kommt man von der Arbeit nach Hause und sieht, wie die Frau mit dem Kleinen spielt, ganz versunken und innig. Am liebsten würde man gleich mitspielen, in diesem zärtlichen Bunde der Dritte sein. Aber gleichzeitig plagt einen das schlechte Gewissen, weil es gestern wieder so spät geworden ist und man heute morgen schon sehr früh los musste, und außerdem hatte man doch noch am Wochenende versprochen, wieder mehr zu helfen zu Hause und sich wieder mehr einzubringen. Und so steht man also in der Wohnungstür und sieht die eigene kleine Familie und will sich gleich reinhängen – und bringt erst einmal den Mülleimer runter. Und weil das irgendwie zu wenig ist, zu routiniert, holt man danach noch das Putzzeug und einen Eimer mit Wasser und fängt an die Toilette zu putzen. Das ist unmännlich, das ist extrem hilfsbereit, da zeigt man doch gleich, das man sich wirklich reinknieen will. Also schrubbt man das Klo und rutscht auf dem Toilettenboden herum, und dann schüttet man das Wasser weg und räumt die Putzsachen auf und wäscht sich kurz selbst und geht zu Frau und Kind. Und eigentlich will man jetzt Lob und Anerkennung, denn man hat ja gerade die Toilette geputzt, nachdem man eben in der Firma noch der eloquente, erfolgreiche Dealmaker war. Aber die beiden sind so versunken im Spiel, sie haben das gar nicht bemerkt, diese großartige Leistung, diese unmännliche Heldentat. Stattdessen spielen sie weiter, einfach so, als sei nichts gewesen. Und dann ist man enttäuscht, fühlt sich missachtet, denkt auch nicht daran, dass die Frau für solche Dinge wahrscheinlich auch nie Lob oder Anerkennung bekommt. Und dann fällt irgendeine Bemerkung, und auf einmal eskaliert die ganze Situation, weil da einfach wieder zwei Welten aufeinanderprallen, zwei Lebenssituationen, und, ja, auch die Erwartungen, die beide Partner an einander haben. Eigentlich müsste man jeden Tag wie ein Diplomat agieren, um durch diese komplizierte Welt zu kommen: kompromissbereit, rücksichtsvoll, hartnäckig. Niemals aufbrausend oder nachtragend. Ein ewiger Frank- Walter Steinmeier im Familienformat, immerzu geistesgegenwärtig, wach, flexibel und gesprächsbereit. Wer nicht kommunizieren kann, wer sich nicht ständig selbst befragt und seine Nächsten, der stößt schnell an Grenzen.

Viele von uns haben noch eine Hausfrau als Mutter erlebt

Und als wäre das alles nicht schon schwierig genug, kommt noch etwas obendrauf: Unsere eigenen Erlebnisse, unsere Erinnerungen und Geschichten von früher. Mögen die alten Rollenmodelle auch nicht mehr funktionieren in unseren Leben – sie sind deshalb noch nicht verschwunden. Sie sind immer noch wirkmächtig. Sie bilden den biographischen und sozialen Hintergrund, vor dem wir unsere Leben zu leben versuchen. Und manchmal vermiesen sie uns einfach auch nur den Tag. Um es noch einmal auf den Begriff der Pioniere zu bringen: Während wir uns in einer neuen Welt bewegen, haben wir noch die Bilder der alten im Kopf.

Viele von uns haben noch eine Hausfrau als Mutter erlebt, die allenfalls einen Nebenjob hatte. Die mittags da war, wenn wir aus der Schule kamen, uns anlächelte, auch wenn wir gerade gar keine Lust hatten, zu reden. Die jeden Tag ein Essen auf den Tisch stellte und uns bei den Hausaufgaben half. Das fühlte sich gut an, obwohl wir das als Kind wahrscheinlich nie gesagt haben. Es damals vielleicht nicht einmal in Worte hätten fassen können.

Und heute müssen wir gestehen: Wir würden das eigentlich auch unseren Kindern wünschen. Wir sehen ja, wie sie es genießen, wenn sie an manchen Tagen nach der Schule nicht allein in eine leere Wohnung kommen. Unser Leben – und ihres – allerdings organisieren wir anders. Aus tausend, hoffentlich guten Gründen. Doch die Erinnerung daran, dass wir es selbst anders erlebt haben, wohnt in unseren Hinterköpfen. Auch in den Hinterköpfen unserer Partnerinnen, dort vielleicht noch lebhafter. Und diese Erinnerung nährt ein schlechtes Gewissen, jedenfalls manchmal: Da ist etwas Warmes, Schönes, Behagliches, das wir unseren Kindern nicht bieten. Das wir ihnen vorenthalten.

Es gibt noch keine neuen Rollenmodelle

Können wir das verantworten? Ist es das wert? Und was bekommen sie stattdessen? Wir würden gern sagen: Erfülltere, ausgeglichenere Eltern. Aber das ist natürlich nicht so. Und wir wissen es. Auch zwischen den Partnern sorgen die alten Rollenbilder manchmal für zusätzlichen Stress. Dann nämlich, wenn die Frauen daheim die Führung übernehmen, und dank tausendjähriger Erfahrung ihres Geschlechts mit Kindern und Küche habituell bestimmen, wie die Dinge zu laufen haben. „Maternal gatekeeping“ nennen das Soziologen – die Frau entscheidet, der Mann macht mit. Entstanden ist diese weibliche Lass-das-mal-ich-mach-das-schon-Rolle durch die traditionelle Arbeitsverteilung. Der Mann war mit der eigenen Karriere beschäftigt, also meistens nicht da. Wenn er ausnahmsweise da war, ließ er sich bedienen. Oder er versuchte zu helfen, und scheiterte an den einfachsten Dingen: am Staubsauer, an der Waschmaschine, am Herd. Nun haben wir die traditionelle Rollenverteilung zwar überwunden, bloß: Unsere Frauen wissen es immer noch besser, trauen uns immer noch zu wenig zu, machen vieles lieber gleich selbst, statt es uns versuchen zu lassen. „So kannst du den Jungen doch unmöglich anziehen“, sagen sie dann. Oder: „So darfst du das Baby nicht halten“. Oder: „Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass er seine Milch nur lauwarm mag?“

Einfach nur schreien

Manchmal, zugegeben, möchte man einfach nur schreien. Das alles, man muss es immer wieder betonen, spricht nicht gegen die Gleichberechtigung, überhaupt nicht. Aber es ist unausweichlich deren Folge. Und wir kommen nicht darum herum, uns mit diesen Folgen auseinanderzusetzen. Im Alltag tut das ohnehin jede Familie, ununterbrochen. Es ist an der Zeit, es auch öffentlich zu tun.

Wir wollen, dass endlich zur Kenntnis genommen wird, dass die alten Rollenmodelle sich auflösen, aber noch keine neuen an deren Stelle getreten sind. Jedenfalls keine, die funktionieren. Und wir wollen, das endlich klar wird, was das bedeutet: Stress. Wir denken, dass es an der Zeit wäre, dass Frauen und Männer, Mütter und Väter, Feministinnen und Traditionalisten, Familienforscher und Politiker einander einmal in die Augen sehen und bekennen: Im Moment wissen wir alle nicht, wie es gehen soll. Wir müssen umdenken, anders diskutieren, und wir sollten uns eingestehen, dass wir mit Entwicklungen konfrontiert sind, die wir alle nicht vorausgesehen, die wir unterschätzt oder schlicht noch nicht verstanden haben. Und die wir, so sehr wir uns auch anstrengen mögen, nicht so einfach ändern können.

Marc Brost & Heinrich Wefing
Geht alles gar nicht: Warum wir Kinder, Liebe und Karrierenicht vereinbaren können.
256 Seiten
ISBN: 978-3-498-00415-6
€ (D) 16,95/ € (AT) 17,50/ sFr 24,50
ISBN: 978-3-644-04351-0
Erstverkaufstag: 27. März 2015

Die Chefinnen danken den Autoren für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung.

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