„Ohne Familie, Nachbarn und Freunde könnte ich Beruf und Kind kaum unter einen Hut bringen“

"Ich glaube, dass ich sehr gut mit Komplexität umgehen kann. Außerdem lasse ich mich von Leidenschaft anstecken", so Tanja Beck.

Tanja Beck

"Ich glaube, dass ich sehr gut mit Komplexität umgehen kann. Außerdem lasse ich mich von Leidenschaft anstecken", so Tanja Beck.

Die Kommunikationsexpertin Tanja Beck ist eine eierlegende Wollmilchsau. Dieses Jonglieren mit verschiedenen Bereichen und Themen ist für Beck momentan allerdings nur möglich, weil sie auf ein gut funktionierendes privates Netzwerk zurückgreifen kann.

Ob als Ghostwriter, Content Strategin oder PR/Blogger Relation Managerin – die Kommunikationsberaterin Tanja Beck tanzt mit ihrer Agentur fachCONTENT für ihre Kunden auf vielen Hochzeiten gleichzeitig. Diese Flexibilität, Anpassungsfähigkeit und Offenheit für Neues zeigt sich in der Arbeit der 33-Jährigen.

die Chefin: Warum machen Sie, was Sie machen?

Tanja Beck: Ich gehöre zu den eierlegenden Wollmichsäuen der Kommunikationsbranche. Wir schreiben, konzipieren, beraten, lernen ständig neu und versuchen, alte Erwartungen in neue Formen zu gießen. Eine sehr spannende Arbeit, die agiles Denken erfordert. Das macht mir so viel Spaß, dass ich mir momentan nicht vorstellen kann, etwas anderes zu machen.

Allerdings würde ich gern einzelne Aspekte meiner Arbeit intensivieren. Leider sprechen Unternehmen und Organisationen noch immer zu wenig über ihre „Nerdigkeiten“: Es wird gerne der große Rundumschlag – immer umfassend, immer unverbindlich – kommuniziert, die sympathischen, spannenden und manchmal noch nicht vollends fertig entwickelten Details jedoch bleiben außen vor. Sehr schade, denn so bleibt viel Potenzial auf der Strecke.

Ich vergleiche das gerne mit der Sendung mit der Maus. Die ist doch so gut, weil es oft um die kleinen Details geht: Wie kommen die Streifen in die Zahnpasta? Wie funktioniert eine Fräsmaschine? Schaut man sich diese Prozesse genauer an, wächst nicht nur das Verständnis über Forschung und Entwicklung, sondern auch die Anerkennung für das Produkt und den, der es herstellt.


In der Serie 6 aus 49 beantworten 49 weibliche Führungskräfte sechs Fragen zu ihrem persönlichen Karriereweg.


die Chefin: Wurden Sie auf Ihrem Weg unterstützt?

Beck: Ich wurde zumindest nie vorsätzlich ausgebootet – und das weiß ich zu schätzen. Und auch wenn es keine beruflichen Mentoren gab, von denen ich große Weisheiten zitieren könnte, arbeite ich doch mit tollen Kollegen und Auftraggebern zusammen, die an mich glauben, mich bestärken und mir etwas zutrauen.

Seit meiner Gründung im Januar 2011 bin ich für die Onlineredaktion der Welthungerhilfe tätig. In dieser relativ kurzen Zeit haben sich sowohl das Team als auch die Arbeit sehr gewandelt. Die gegenseitige kollegiale und freundschaftliche Unterstützung aber ist geblieben. Und auch zu meinen anderen Auftraggebern pflege ich ein enges Verhältnis. Denn nur so macht mir meine Arbeit Spaß.

Von beruflichen Mentoren einmal abgesehen, bin ich auf Unterstützung meines privaten Netzwerks angewiesen. Ich bin alleinerziehende Mutter eines Vierjährigen. Ohne Familie, Nachbarn und Freunde könnte ich Beruf und Kind kaum unter einen Hut bringen. Und weil mir von Anfang an sehr wichtig war, offen mit meiner Mutterschaft umzugehen, funktioniert es auch ganz gut. Dazu gehört für mich beispielsweise auch, nie falsche Ausreden zu benutzen, wenn ich aufgrund meines Kindes einen Terminvorschlag nicht annehmen kann.

Flexibilität wird hier oft falsch verstanden, finde ich. Denn ich mache mithilfe meines sozialen Netzwerks fast alle Termine möglich, die gemeinsam vereinbart wurden. Daran messe ich meine Zuverlässigkeit und meine Flexibilität.

die Chefin: Gab es auf diesem Weg Hürden?

Beck: Natürlich. Und viele dieser Hürden lagen – und liegen – in mir selbst. Ich bin ein sehr selbstkritischer Mensch. Und manchmal plagen mich fiese Selbstzweifel. Ich glaube, ich habe mir selbst nicht immer genug zugetraut, habe nicht jede Chance mutig ergriffen. Auch lassen mich Vorurteile, weil ich eine Frau oder Mutter bin, nicht kalt. Es fuchst mich, wenn sie mich zu sehr beeinflussen. Und auch wenn ich daran arbeite, gelingt es mir nicht immer, in solchen Situationen souverän und gelassen zu bleiben.

die Chefin: Auf welche Ihrer Eigenschaften sind Sie stolz und warum?

Beck: Ich glaube, dass ich sehr gut mit Komplexität umgehen kann. Außerdem lasse ich mich von Leidenschaft anstecken. Dann kann ich mich für die unscheinbarsten Dinge begeistern. Diese Low-Interest-Themendebatte zum Beispiel kann ich nicht nachvollziehen. Langweilig sind für mich nur Dinge, die nicht mit Leidenschaft und Überzeugung getan werden. Das bedeutet nicht, dass jeder alles gut können muss. Auch ich finde manche Themengebiete oder Aufgaben spannender als andere. Wenn man sich jedoch offen auf die scheinbar uninteressanten Dinge einlässt, wird man in der Regel überrascht.

Gleichzeitig glaube ich, dass ich ganz gut teilen kann. Ich liebe den Flow in einem guten Team. Und wenn ich für ein gutes Team einen Teil meines Budgets oder meiner Aufträge abgeben muss, dann mache ich das gerne. Ich glaube an mein Karma-Konto und dass am Ende die Bilanz stimmen wird.

die Chefin: Was war der beste Rat, den Sie je bekommen haben?

Beck: „Geh erst einmal ‘ne Runde übern Hof und komm runter“ – sagte mein Philosophielehrer in der Schule zu mir, als ich mich einmal sehr emotional in eine Debatte über Werte verstrickt habe. Meine Mitschüler – und auch der Lehrer – haben in meinen Augen äußerst undifferenziert über Werte gesprochen, die sie persönlich wichtig finden, und solche, die in unserer Gesellschaft gelten sollten.

Mich hat damals diese fehlende Fähigkeit zur Abstraktion und Reflexion sehr geärgert. Auch heute bringt mich so etwas noch in Rage. Aber ich bin besser darin geworden, mich selbst zu beruhigen und andere Sichtweisen zu akzeptieren. Und wenn der Gang zur Kaffeemaschine nicht reicht, um mich zu beruhigen, ziehe ich mir meine Laufschuhe an.

die Chefin: Was raten Sie dem Nachwuchs?

Beck: Erstens: Macht ein Praktikum bei einem Nerd, verlasst die Oberfläche und lernt etwa die Welt der Algorithmen und Roboter kennen. Denn es ist diese Art der Komplexität, mit der wir alle auf die eine oder andere Weise umgehen lernen müssen.

Zweitens: Unterschätzt den Wert von Verbindlichkeit nicht – gerade weil wir immer autarker leben. Zuverlässigkeit, Commitment, Umsicht, diese Werte gelten zwar als modern, allerdings werden sie noch zu selten gelebt.

In meiner Arbeit versuche ich immer, das Ergebnis im Team über den persönlichen Profit zu stellen. Damit erreiche ich bestimmt nicht den größten Wohlstand, aber ich gewinne Menschen, auf die ich mich verlassen kann und die sich mit mir für eine gemeinsame Sache einsetzen. Das macht mich glücklich.

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