Marie Curie hat sie inspiriert

© Nobel Media / Illustration: Niklas Elmehed

Als zweite Frau erhält Esther Duflon gemeinsam mit  ihrem Mann und einem Kollegen den Wirtschaftsnobelpreis. Sie will Vorbild für künftige Wissenschaftlerinnen sein.

Als Kind musste Esther Duflo in den Ferien häufig auf ihre Mutter verzichten. Die war Ärztin und nutzte die Urlaubszeit, um in Kriegsgebieten zu helfen. Wütend oder traurig war die heutige Ökonomin darüber nie. Ihre Mutter hatte ihr erklärt, dass dieser Verzicht etwas war, das sie für die Armen tun konnte. Bis heute hat sich die in Paris geborene Wirtschaftswissenschaftlerin diesen Kampf gegen Armut zur Lebensaufgabe gemacht. Gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem indischen Ökonom Abhijit Banerjee, sowie dem Wirtschaftswissenschaftler Michael Kremer wird sie nun für ihre Verdienste zur Armutsforschung mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.

Alle drei Ökonomen lehren an US-Universitäten. Der 55-jährige Kremer forscht an der renommierten Harvard-Universität, wo er auch studierte. Er hat sich auf Bildung und Gesundheit in Entwicklungsländern spezialisiert. Der 58-jährige Banerjee arbeitet gemeinsam mit seiner Frau am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Der in Mumbai geborene Forscher übernahm 2003 den dort ansässigen Ford-Foundation-International-Lehrstuhl für Ökonomie und gründete gemeinsam mit Duflo und Sendhil Mullainathan das Abdul Latif Jameel Poverty Action Lab, ein Forschungsnetzwerk, das neue Methoden zur Armutsbekämpfung entwickelt und wirtschafts- sowie entwicklungspolitische Maßnahmen auf ihre Wirkung hin untersucht. Kremer, der eine Weile in Kenia als Lehrer arbeitete und Geschäftsführer der NGO WorldTeach war, ist Teil dieses Netzwerks von Armutsforscherinnen und -forschern. Allein am Abdul Latif Jameel Poverty Action Lab sind mehr als 100 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler tätig, dazu kommen unzählige überall auf der Welt, die über die Einrichtung miteinander vernetzt sind. “Wir sind Hunderte. Wir arbeiten mit NGOs zusammen, wir sind quasi eine Bewegung”, sagte Dulfo bei der Nobelpreis-Bekanntgabe.

Insofern ist die Auszeichnung auch eine Ehrung für die Armutsforschung generell. Duflo, Banerjee und Kremer gehen dabei davon aus, dass sich Armut nicht allein durch Marktöffnung oder Geld bekämpfen lässt. Sondern dass Armut durch vielfältige Faktoren bestimmt wird, die oftmals von der Politik gar nicht so einfach zu identifizieren sind, geschweige denn, dass sie sich schnell und einfach verändern lassen. Darum haben die drei einen Forschungsansatz entwickelt, der streng wissenschaftlich vorgeht: Mit sogenannten randomisierten kontrollierten Feldexperimenten suchen sie nach einer Kausalität und versuchen, eindeutige Aussagen zu erhalten. So führt ein Experiment zum nächsten. Zugleich betrachten sie die Wirkung einer Maßnahme. Dieses Vorgehen stammt eigentlich aus der Medizin, wo in Studien mit Kontrollgruppen gearbeitet wird, um ein evidenzbasiertes Ergebnis zu erhalten.

Zum Beispiel bei der Bildungssituation von Kindern in Entwicklungsländern: In vielen armen Ländern gehen Kinder kaum oder nur unregelmäßig zur Schule, viele brechen die Schule vorzeitig ab, viele kommen nicht mit, lernen nur wenig. Aber die Gründe hierfür sind hochkomplex. Es kann sein, dass Schulen und Lehrerinnen und Lehrer fehlen, dass die Sicherheitslage instabil ist, dass die Kinder aus Hunger gar nicht erst den Schulweg antreten können oder sie zu Hause auf dem Feld oder dem Markt mitarbeiten müssen.

Wichtig bei dem Vorgehen von Duflo, Banerjee und Kremer ist: Untersucht wird ein – etwa regional – begrenzter Fall und nicht das große Ganze. Nur so lassen sich auf Grundlage eingrenzbarer gesicherter Erkenntnisse Antworten für die größeren Zusammenhänge finden. Duflo und ihre Kollegen fanden bei solchen Experimenten in Indien und Kenia heraus, dass es noch ganz andere Gründe für die schlechte Bildung gab: In beiden Ländern war der Schulunterricht nicht an das kindliche Niveau angepasst, die Lehrpläne sahen ein teilweise viel zu hohes Niveau vor, dem die Kinder entwicklungspsychologisch noch gar nicht gewachsen sein konnten. Erst Recht nicht, wenn sie aus extremer Armut stammten. In einigen Schulen wurde zudem auf Englisch unterrichtet, aber für viele Kinder war der Unterricht in der Amtssprache zu schwierig. Die Armutsforscher schlugen daher vor, die Schülerinnen und Schüler nicht nach dem Alter sondern nach ihren Fähigkeiten in Klassen einzuteilen – der Effekt war groß. Die Kinder waren motivierter und lernten besser.

Mehr Respekt für die Leistung von Frauen gefordert

Die 46-jährige Duflo fordert, dass es bei der Entwicklungshilfe Belege für die Erfolge bestimmter politischer Maßnahmen geben müsste. Zugleich konnten sie und ihr Mann bei einem Feldversuch in Äthiopien, Ghana, Honduras, Indien, Pakistan und Peru herausfinden, dass eine Art Grundeinkommen für die Ärmsten einen positiven Effekt hat: Dort erhielten die ärmsten Familien aus ausgewählten Dörfern vorübergehend ein monatliches Grundeinkommen von 20 bis 60 Euro, außerdem paar Hühner, Ziegen oder einen anderen Lebensunterhalt sowie eine regelmäßige Betreuung. Nach fünf Jahren hatte sich die Situation der Menschen zum Positiven gewendet. Ein Schluss der Armutsforscher war daher, dass erfolgreiche Armutsbekämpfung nicht viel Geld kosten müsse. Dennoch kritisieren Duflo und ihre Kollegen, würden insbesondere die westlichen Industrienationen noch viel zu wenig Geld ausgeben. Im Schnitt seien es nur fünf Prozent von dem, was die von Armut betroffenen Ländern selbst investierten.

Gefragt danach, was sie denn nun mit den neun Millionen schwedischen Kronen (rund 830.000 Euro) des Wirtschaftsnobelpreises machen wolle, antwortete Duflo, sie habe zuerst an Marie Curie gedacht, für die sie sich als neunjähriges Mädchen sehr interessierte. “Damals las ich, dass sich Curie von dem Geld ihres Nobelpreises ein Gramm Radium kaufte. Ich werde daher mit meinen Kollegen gemeinsam überlegen, was unser Radium ist.”

Klar ist, dass man von der Armutsforscherin wohl noch einiges hören dürfte. Die Ökonomin und Mutter eines Kindes machte nicht nur eine regelrechte Blitzkarriere in der Wissenschaft, sie galt schon mit Ende 30 als Anwärterin auf einen Nobelpreis.

Bei der Bekanntgabe der Preise, die 46-Jährige war per Telefon dazugeschaltet, zeigte sie sich dennoch überrascht. “Ich hätte nie gedacht, dass uns diese Ehrung zuteil werden könnte. Wir sind zu jung dafür”, sagte Duflo. Angesprochen auf die Frage, wie es sich anfühlt, als zweite Frau den Wirtschaftsnobelpreis erhalten zu haben – 2009 wurde als erste Frau die US-Professorin Elinor Ostrom gemeinsam mit einem Kollegen ausgezeichnet – sagte Duflo, dass es eine große Ehre für sie sei. Noch immer seien Frauen in der Wissenschaft unterrepräsentiert, noch immer gebe es viel weniger Professorinnen als Professoren, insbesondere in den Wirtschaftswissenschaften. Und noch immer werde die Leistung von Frauen weniger respektiert. “Ich hoffe, dass ich ein gutes Vorbild sein kann.” Und so könnte sie vielleicht noch viele Wissenschaftlerinnen inspirieren – so wie einst ihre Mutter sie.

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