Leben Sie schon oder laufen Sie noch im Hamsterrad?

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Eine Diagnose, die Niclas Lahmer bis ins Mark erschütterte, rüttelte ihn vor einigen Jahren ordentlich wach. Er fand raus aus der Knechtschaft des Geistes, des Konsums, des Kapitals – und so mehr Zeit für das Wesentliche und ein erfülltes Leben.

Ein Gastbeitrag von Niclas Lahmer

Vor einigen Jahren flog ich von Berlin zurück nach Düsseldorf. Ich hatte in Berlin ein wunderbares Wochenende verbracht. Dazu gehörten ein tolles Musical, ein exquisites Hotel, hervorragendes Essen und das Nachtleben von Berlin. Eine Stunde nach dem Start des Flugzeuges jedoch sackte ich in meinem Sitz zusammen. Für einen kurzen Moment dachte ich, mein Sitznachbar hätte mir einen Vorschlaghammer über den Kopf gezogen. Innerhalb von Sekunden brach ich im Sitz vor Schmerz zusammen. Zwei Stunden später lag ich auf der Liege eines Arztes im Krankenhaus, der mir erklärte, dass ich meine Angelegenheiten klären solle.

Der Mann in Weiß traf eine Diagnose, die mich bis ins Mark erschütterte. „Ein paar Stunden bleiben Ihnen noch“, sagte er. Er behauptete, dass ich eine schwere Blutung im Gehirn hätte und bei meiner Diagnose und aufgrund von Unterbesetzung und Nachtschicht jegliche Hilfe ausgeschlossen sei. Rückblickend lache ich darüber, dass ich einem wildfremden Menschen auf Grundlage der Farbe seines Kittels Glauben schenkte. Doch ich bin studierter Betriebswirt und als Nichtmediziner weiß ich gerade einmal, wo sich welche Körperteile befinden. Das war es aber auch schon. Ich vertraute diesem Herrn und ging davon aus, dass ich in dieser Nacht meinen letzten Atemzug tun würde. Mein Körper zitterte. „Das war es also?“, fragte ich mich. Ich dachte, mein Kopf würde zerspringen.

Leben Sie jetzt!

Meine Familie saß um mich herum, völlig starr und ratlos vor Sorge. Das war das wohl schlimmste Bild meines Lebens. Kein Elternteil sollte jemals miterleben müssen, dass sein eigenes Kind vor ihm geht. Kein Kind sollte jemals diese Angst der Eltern sehen müssen. So leid es mir tut, aber an dieser Stelle muss ich Sie mit Ihrem Tod konfrontieren. Nicht weil ich ihm ins Auge geblickt habe und trotzdem immer noch lebe, sondern weil wir alle sterben. Jeden Tag aufs Neue. Denn wir sterben jeden Tag ein wenig mehr. Jede Minute, jede Stunde, jeder Tag, der vergeht, ist ein weiterer kleiner Schritt zum Ende unseres Lebens.

Doch auch unser Todestag ist nur der letzte Tag unseres Lebens. Obwohl es mir gesundheitlich prächtig geht, bin ich mir seither bewusst, dass es jeden Moment zu Ende gehen könnte. Es könnte ein Auto-, Motorrad- oder Flugzeugunfall sein, der alles beendet. Oder vielleicht zieht mir auch wirklich mal jemand einen Vorschlaghammer über. Wer weiß das schon. Es könnten so viele andere Möglichkeiten sein. Ich habe die Furcht vor dem Tod abgelegt. Was mich wirklich ängstigt, ist niemals richtig gelebt zu haben. Es stimmt, dass wir nur einmal sterben können. Doch leben, das tun wir jeden Tag. Bis eben eines Tages der letzte Tag gekommen ist. „Wenn man jung ist, denkt man, man sei unsterblich“, hat mein Vater immer gesagt. Das stimmt. Lange Zeit lebte ich, als gäbe es immer einen neuen Tag. Heute lebe ich, als gäbe es keinen mehr. Denn eines Tages werde ich recht behalten, denn morgen ist der einzige Tag der noch nicht existiert.

Stellen Sie sich vor, dass Sie jeden Tag leben, als sei es Ihr letzter Tag auf dieser Erde. Stellen Sie sich jedes Mal vor, wenn Sie Ihren Schatz lieben, es sei das erste und letzte Mal, dass Sie solche Liebe empfinden dürften. Jedes Mal, wenn Sie Ihre Kinder umarmen, stellen Sie sich vor, dass es das letzte Mal sein könnte. Jedes auf Wiedersehen, jede Verabschiedung, jeder Kuss, jedes Gespräch und jede Begegnung könnte die letzte sein. Das soll Sie gar nicht mit Wehmut erfüllen, sondern Ihnen die Möglichkeit einräumen, den Moment viel tiefer zu empfinden. Genießen Sie den Moment und nicht die Zukunft. Verweilen Sie nicht in der Vergangenheit und trauern Sie ihr nicht nach. Leben Sie jetzt!

Die meisten leben ihr Leben wie eine Generalprobe

Als ich damals so auf der Liege im Hospital lag, plagte mich nicht eine Sekunde die Frage, ob ich lange genug im Porsche gesessen oder genug Geld verdient hätte , noch ob ich oft genug neben einer schönen Frau aufgewacht wäre. Lappalien, die am Ende nicht einmal einen Gedanken wert sind. Auch die Meinung anderer über mich und mein Leben waren keinen einzigen Gedanken wert. Wenn jetzt alles vorbei wäre, könnte ich dann guten Gewissens gehen und nichts bereuen? Könnten Sie gehen ohne etwas zu bereuen und könnten Sie statt dem Bereuen und Bedauern sagen: „Ach schade. Schon vorbei? Das war richtig fetzig!“?

Die meisten von uns leben ihr Leben wie eine Generalprobe, Wie einen ersten Durchlauf des wahren Lebens, in der Hoffnung, dass irgendwann der richtig gute Teil kommt. Von montags bis freitags arbeiten so die Hamster, in der Hoffnung, dass bald das Wochenende folgt. „Endlich Freitag“, heißt es dann. Am Sonntagabend aber fragen sich alle wieder, wo die Zeit hin ist und klagen, dass morgen bereits wieder Montag sein wird. Was ist das nur für eine Art von Leben? Wir schmeißen unsere einzige Ressource wie ein Abfallprodukt weg. Alles, was wir besitzen, ist Zeit und dieser Besitz läuft uns davon.

Wenn wir dies wirklich mit jeder Faser unseres Seins verstanden haben, dann tun Sie mir und vor allem sich selbst einen Gefallen: Verschwenden Sie nicht Ihre Lebenszeit in einem Hamsterrad, dass sie knechtet. Leben Sie nicht nur, sondern erleben Sie das Leben. Lebend kommen wir sowieso nicht hinaus.

 

Niclas Lahmer ist Querdenker und Rebell – im besten Sinne! Als Diplom-Betriebswirt, mehrfacher Bestsellerautor und gefragter Keynote-Speaker begeistert er seine Zuschauer und referiert zu den Themen Krisenmanagement, Sicherheit und Verantwortung. Sein aktuelles Buch Rebellion im Hamsterrad erschien 2020 im FBV Verlag.

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