“Leader haben Visionen, Follower sehen Probleme”

"Nach jeder meiner Karrieren habe ich praktisch wieder von vorn anfangen müssen", so Christiane Brandes-Visbeck.

Katrin-Schmitt, Outshot

"Nach jeder meiner Karrieren habe ich praktisch wieder von vorn anfangen müssen", so Christiane Brandes-Visbeck.

Um in der Linie bestehen zu können, hätte Christiane Brandes-Visbeck weniger kritisch und wesentlich angepasster sein müssen. Weil sie es aber nicht jedem Recht machen kann und will, wählt sie ihren eigenen Weg.

Nach ihrem Studium und führenden Postionen in der Medienbranche lebte Christiane Brandes-Visbeck mehrere Jahre als Korrespondentin in New York. Seit 2004 betreibt die Journalistin und Kommunikationsberaterin die Agentur Ahoi Consulting, mit der sie analoge und digitale Kommunikationsstrategien für Unternehmen, Organisationen und Start-ups entwickelt. Als Referentin und Dozentin gibt sie ihr Wissen über zeitgemäße Kommunikation, Content-Strategien und Digital Leadership weiter. Sie moderiert Paneldiskussionen und Workshops und begleitet Führungskräfte bei Change-Prozessen. Ferner engagiert sich die gebürtige Braunschweigerin als Quartiersleiterin Hamburg für das digitale Branchenetzwerk Digital Media Women e.V.

die Chefin: Warum machen Sie, was Sie machen?

Christiane Brandes-Visbeck: Schon als junges Mädchen wusste ich, dass ich einen Beruf haben wollte, mit dem ich in der Gesellschaft etwas bewirken kann. Ich dachte an Jugendrichterin, Germanistik-Professorin oder Chefredakteurin. Gegen den Rat meiner Eltern und meines Lieblingsprofessors, habe ich mich noch während des Studiums für den Journalismus entschieden und erste Praktika absolviert – was damals noch nicht so üblich war.

Mein Weg führt mich über RTL und ZDF zu der T1 Film und Fernsehproduktion (später T1 New Media). Als Chefredakteurin Online war es mein Job, mit meinen Team zu testen, wie Content auf neuen Formaten und Gadgets funktioniert – mein absoluter Traumjob. Noch heute motiviert es mich, gemeinsam mit meinen Kunden, neue Strategien, Content-Formate und Beratungsansätze entlang der Digitalisierung zu entwickeln und auszuprobieren.

Wie schwer es für Führungskräfte ist, Veränderungen und Innovation in klassischen Unternehmen zu verankern, habe ich während meiner letzten Festanstellung (bis 2012) als Bereichsleiterin Personal und Kommunikation bei einer mittelständischen Bank gespürt. Für einen nachhaltigen Change ist es entscheidend, die richtige Balance zwischen sachlichen Erfolgen und dem politisch geschickten Agieren zu finden. Möchte man etwas verändern, ist es wichtig, den Status Quo und seine Vertreter zu respektieren. Weil es hier häufig hakt, unterstütze ich Fach- und Führungskräfte dabei, ihre individuelle und zur Unternehmenskultur passende Kommunikations- und Innovationsstrategie für den digitalen Wandel zu finden.

Und weil es immer gut ist, bereits beim Nachwuchs anzusetzen, gebe ich mein Wissen an der Akademie für Publizistik und an verschiedenen Hochschulen weiter. Hier schließt sich der Kreis zu meinem Berufswunsch der Professorin.


In der Serie “6 aus 49” beantworten 49 weibliche Führungskräfte sechs Fragen zu ihrem persönlichen Karriereweg.


die Chefin: Wurden Sie auf Ihrem Weg unterstützt?

Brandes-Visbeck: Ja und nein. Ich bin gut vernetzt und erfahre viel Wunderbares in meinen Netzwerken wie aktuell als Hamburger Quartierleiterin der Digital Media Women. Ich bin dankbar für die vielen Kollegen, die mir geholfen haben, wenn ich mal nicht weiter wusste. Vor allem, wenn es um neue Technologien ging. Glücklicherweise gab es auch immer wieder Vorgesetzte, die meine strategische Stärke, meinen natürlichen Führungswillen und meine geistige Unabhängigkeit gesehen und für innovative Projekte und den Aufbau von Unternehmen eingesetzt haben.

Aber es gab auch die, die mir mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln gezeigt haben, dass ich – vielleicht gerade auch als Frau – weniger kritisch und wesentlich angepasster sein müsste, um in der Linie bestehen zu können.

Interessanterweise konnten diese Führungskräfte nicht nachvollziehen, dass ich trotz der Kritik in der Sache menschlich sehr loyal eingestellt war. Das hat mich schon verletzt. Heute weiß ich, dass sie es auf ihre Art möglicherweise sogar gut gemeint haben mit mir. Ein offenes Wort hätte vielleicht Wunder bewirkt.

die Chefin: Gab es auf diesem Weg Hürden?

Brandes-Visbeck: Ja, ganz viele. Ich war lange in dieser kriselnden Medienbranche unterwegs und eben anders als “normale” Führungskräfte. Ich war schon immer mutig, aufgrund meiner Zuverlässigkeit bei Kollegen beliebt, ausdauernd, hart in der Sache, aber im Wesen emotional und noch dazu über viele Jahre alleinerziehend. Das gefiel nicht jedem.

Nach jeder meiner Karrieren habe ich praktisch wieder von vorn anfangen müssen. So, wie eine Bergsteigerin, die immer wieder neue Höhen erklimmt. Jeder Aufstieg hat mir zwar andere Hürden aufgezeigt, aber auch neue Erkenntnisse vermittelt. Aus heutiger Sicht kann ich diese sehr positiv als Learnings einordnen. Ohne diese Erfahrungen hätte ich nicht dieses tiefe Verständnis für die Anforderungen des digitalen Zeitalters, für den Umgang mit Disruption.

die Chefin: Auf welche Ihrer Eigenschaften sind Sie stolz und warum?

Brandes-Visbeck: Mein positives Denken und meine gute Laune. Meine schnelle Auffassungsgabe, dass ich komplexe Zusammenhänge gut strukturieren kann und durch die Reduktion auf das Wesentliche auch in schwierigen Situationen Lösungen finde. Dass ich Menschen mag, sie gern unterstütze auf ihren Wegen, ihnen immer erst einmal vertraue, großzügig und nicht nachtragend bin. So kann jeder neue Tag ein guter Tag werden.

die Chefin: Was war der beste Rat, den Sie je bekommen haben?

Brandes-Visbeck: Als ich während des Studiums besonders verzweifelt war, weil meine Schwester im Sterben lag, schickte mir meine Mutter eine Postkarte mit dem Satz, “Wende Dein Gesicht der Sonne zu. Dann fallen die Schatten hinter Dich”. Dieser Satz hat sehr viele Bedeutungen für mich. Er heißt, Du kannst das Schicksal nicht ändern. Aber auch, ich kann es nicht jedem Recht machen, also versuche ich es gar nicht erst. Und ganz aktuell, Leader haben Visionen, Follower sehen Probleme.

die Chefin: Was raten Sie dem Nachwuchs?

Brandes-Visbeck: Finde heraus, was dich antreibt und welche Werte dir wichtig sind. Folge eher deinen Impulsen als Trends. Und vor allem, “love it or leave it”.

3 Kommentare

  1. Danke für dieses wunderbare, ermutigende Interview, das mich außerdem sehr berührt hat. Ich habe Christiane als Dozentin in einem Online-Kurs für Social Media Manager kennengelernt (leider bisher noch nicht persönlich getroffen) und kann nur begeistert bekräftigen: Genauso authentisch, positiv und inspirierend kam sie für mich auch in dem Online-Seminar rüber. Ahoi, Christiane! :)

  2. Ahoi Sabine, herzlichen Dank für Deinen wunderbaren Kommentar. Irgendwann und irgendwo werden wir uns bestimmt persönlich kennenlernen.

    Bis dahin virtuelle Grüße von Christiane

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