„Lasst Euch nicht von anderen definieren. Bestimmt selbst, wer ihr seid“

"Wenn die Zukunft definitiv digital ist, darf es nicht sein, dass die dann auch wieder männlich wird", so Julia Dellnitz.

Jan Gentsch / photo.jangentsch.de

"Wenn die Zukunft definitiv digital ist, darf es nicht sein, dass die dann auch wieder männlich wird", so Julia Dellnitz.

Julia Dellnitz hat lange Karriere und Berufung verwechselt und so viel Zeit und Engagement in ihre Karriere gesteckt. Am Ziel angekommen, reißt sie das Ruder um und geht den richtigen Weg.

Julia Dellnitz hat in Hamburg Ozeanographie studiert und den Atlantik auf einem Forschungsschiff überquert, bevor sie als Vorstandsassistentin in einem internationalen Konzern beginnt. Neben den ersten Führungsaufgaben macht Dellnitz einen MBA in Großbritannien und berät anschließend viele Jahre Industrieunternehmen als Expertin für Post-Merger Integration.

Auf der Suche nach innovativen Beratungsansätzen gründet sie 2012 Learnical und hilft Tech-Unternehmen, Lernen als strategische Kompetenz aufzubauen. Mit ihrem neuen Projekt dreimalmehr möchte sie Frauen für IT- und Ingenieurberufe gewinnen.

die Chefin: Warum machen Sie, was Sie machen?

Julia Dellnitz: Mich treibt an, dass in den technologischen Entwicklungen unserer Zeit unglaubliche Chancen für die Gesellschaft stecken. Es gibt so viele Möglichkeiten, sich über fachliche und kulturelle Grenzen hinweg zu vernetzen und voneinander zu lernen, wie wir besser leben und wirtschaften, Ressourcen schonen sowie friedlicher miteinander umgehen können.

Ich arbeite mit vielen kreativen Menschen zusammen, die genau diese Entwicklungen gestalten, in Ihren Unternehmen oder Netzwerken Verantwortung übernehmen und mutig Neues ausprobieren. Das empfinde ich als großes Geschenk.

Leider begegne ich viel zu selten Frauen, die sich mit der IT oder Technologie beschäftigen. Allerdings auch nicht verwunderlicher: Diverse Statistiken zeigen in IT- und Ingenieurberufen einen Frauenanteil von 15 bis 20 Prozent – in der Führung noch weniger.

Wenn die Zukunft definitiv digital ist, darf es nicht sein, dass die dann auch wieder männlich wird. Deswegen habe ich vor kurzem dreimalmehr an den Start gebracht: Ein Marktplatz für Unternehmen, die IT- oder technische Produkte und Dienstleistungen suchen, es aber wünschen, dass das von Frauen umgesetzt wird. Für Unternehmen wird es leichter, mehr Vielfalt in ihre eigenen Lieferketten zu bringen, so innovativere Produkte zu entwickeln und selbst Vorbild für ein Umdenken in der Wirtschaftswelt zu werden.

In der Serie 6 aus 49 beantworten 49 weibliche Führungskräfte sechs Fragen zu ihrem persönlichen Karriereweg.

die Chefin: Wurden Sie auf Ihrem Weg unterstützt?

Dellnitz: Ja, vor allem von meiner Familie und meinem Freundeskreis. Meine Eltern zum Beispiel waren sehr offen, haben immer an mich geglaubt und mich schon sehr früh eigene Entscheidungen treffen lassen. Das hat mich früh eigenständig gemacht. Ich habe allerdings auch wunderbare Partner, beruflich wie privat, die mir Vertrauen und Freiraum geben und alles mitmachen, was mir so einfällt. Und mir fällt eine Menge ein!

Ferner bestärken meine Freundinnen und ich uns gegenseitig, mutig zu sein und andere Wege zu gehen. Das war vor allem am Anfang unserer Berufswege wichtig. So haben wir uns durch Durststrecken motiviert und uns unterstützen können, zu entdecken, was in uns steckt.

die Chefin: Gab es auf diesem Weg Hürden?

Dellnitz: Hürden nicht, eher einen großen Umweg. Ich habe lange Karriere und Berufung verwechselt und so viel Zeit und Engagement in meine Karriere gesteckt. Als ich am „Ziel“ war, stellte ich fest, dass ich jetzt zwar in der Geschäftsleitung bin, aber leider inhaltlich gar nicht mehr das mache, was mich ausmacht und was ich machen will.

Das zu erkennen war schwer und traurig – vor allem wegen der Menschen, mit denen ich so lange eng und gut zusammen gearbeitet hatte. Letztlich habe ich auf dem Umweg aber auch eine Menge für mein eigenes Unternehmen gelernt.

die Chefin: Auf welche Ihrer Eigenschaften sind Sie stolz und warum?

Dellnitz: Auf meinen Enthusiasmus, Neues in die Welt zu bringen und durchzuziehen, was ich mir in den Kopf gesetzt habe – auch wenn es manchmal lange dauert. Ich höre oft von meinem Umfeld: „Wow, das hast Du uns vor zwei Jahren gesagt und jetzt sind wir wirklich da – obwohl es unterwegs danach aussah, dass wir das nicht schaffen würden!“ Mir gefällt, dass ich vermeintliche Lösungen einfach loslassen kann. Funktioniert etwas so gar nicht, nehme ich es gedanklich auseinander und versuche mit meinem Team soviel darüber zu lernen wie möglich. Dann fangen wir unter Umständen noch einmal ganz von vorn an.

Ich mag Menschen, bin extrem wissbegierig und lernbereit. Das sind gute Eigenschaften für meine Arbeit bei Learnical, wo ich anderen helfe, sich auf Komplexität einzulassen und ständiges Lernen in ihre eigene Arbeit zu integrieren.

die Chefin: Was war der beste Rat, den Sie je bekommen haben?

Dellnitz: Ein ganz pragmatischer, vager und zukunftsschlauer Rat meines Vaters. Er hat mir 1989, da war ich knapp 15 Jahre alt, einen Schneider PC 286 ins Zimmer gestellt und gesagt: „Schau’ Dir das mal an, ich glaube, das wirst Du später brauchen.“ Er hat mir dann noch Turbo Pascal zum Programmieren sowie Tetris installiert – eine ganz schlaue Kombi! – und ich war am Haken.

Irgendwann habe ich angefangen Fraktale zu programmieren und war hin und weg, dass eine so schnöde mathematische Gleichung so schön aussehen kann und das ich das hergestellt hatte. Diese Freude kenne ich bis heute, wenn bei meinen Kunden aus abstrakten Ideen und Vorstellungen, tolle Software wird.

die Chefin: Was raten Sie dem Nachwuchs?

Dellnitz: Lasst euch nicht von anderen definieren. Bestimmt selbst, wer ihr seid, was ihr machen wollt und wie ihr Euch zur Welt stellt. Es gibt so unendlich viele Möglichkeiten und gleichzeitig so viele unnütze, tradierte Bilder, wie die Dinge zu sein haben – insbesondere wenn es ums Frausein geht. Lasst Euch nicht beirren, an Euch selbst zu glauben und Dinge anders zu machen. Das wird ganz sicher gut!

Passend zum Thema