Karrierekiller Mona-Lisa-Syndrom

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Die Gefahr des Mona-Lisa-Syndroms: Das charmante Lächeln ist sympathisch, wirkt im Job allerdings kontraproduktiv.

Einfach lächeln! Was sich in vielen Lebenslagen als guter und wertvoller Rat erweist, kann der Geschäftskarriere im Weg stehen. Doch so schön ein Lächeln auch sein kann, es birgt Gefahren. Welche das sein können, weiß Anne Heintze.

Ein Gastbeitrag von Anne Heintze

Besonders Frauen sind von einem Phänomen betroffen, dessen Namensgeberin eine der wohl berühmtesten, lächelnden Frauen der Welt ist: dem sogenannten Mona-Lisa-Syndrom. Hochsensibilität und das damit verbundene Harmoniestreben können dazu führen, das Mona-Lisa-Syndrom zu entwickeln.

Von klein auf bekommen wir eingetrichtert, dass ein Lächeln in vielen Situationen helfen kann. Ob Stress in der Schule, Pechphase im Privatleben oder allgemein schlechte Laune: Mit einem Lachen geht alles besser. Deshalb empfehlen viele Psychologen, den Morgen mit einem lächelnden Blick in den Spiegel zu beginnen. Denn wenn man sich schon nach dem Aufstehen selbst anlächelst, steigert man seine Laune und sein Selbstbewusstsein. Doch so schön ein Lächeln auch sein kann, es birgt Gefahren. Einerseits wirkt ein krampfhaftes Grinsen auf Dauer unecht und kontraproduktiv für die gute Laune und Sympathie. Es kann sogar zu Depressionen führen und wird als Lächelmasken-Syndrom bezeichnet. Andererseits kann das Lächeln im Beruf noch ganz andere Folgen mit sich bringen, ganz besonders bei hochsensiblen Frauen.

Betroffene haben gelernt, dass mit einem Lächeln alles einfacher ist als mit einer Konfrontation

Das Mona-Lisa-Syndrom geht auf die lächelnde Frau zurück, die einst Leonardo da Vinci Porträt stand. Obwohl bis heute gemunkelt wird, warum die Mona Lisa auf dem Gemälde eigentlich gelächelt hat, und die Theorien in alle möglichen Richtungen reichen, gilt sie als die fast berühmteste Lächelnde der Welt. Doch ob sie alles weggelächelt hat, was ihr in ihrem Leben begegnet ist? Genau darum geht es nämlich bei dem so genannten Mona-Lisa-Syndrom. Nicht nur in entspannten, freundlichen Situationen lächeln betroffene Menschen, sondern auch in äußerst unangenehmen Momenten. Statt einem unfreundlichen Kollegen Paroli zu bieten oder auf die anzüglichen, unangebrachten Bemerkungen des Chefs selbstbewusst zu reagieren, wird die Problematik einfach weggelächelt. Betroffene haben gelernt, dass mit einem Lächeln alles einfacher ist als mit einer Konfrontation, die vielleicht unangenehm wird. Doch ist diese gerade in Branchen, in denen vorwiegend Männer tätig sind, manchmal wichtig, um der eigenen Karriere nicht im Weg zu stehen. Immerhin werden Frauen in vielen Jobs nach wie vor benachteiligt, obwohl der Anteil an Abiturientinnen und gebildeten Frauen mit gutem Abschluss drastisch ansteigt.

Denn die Devise „gut gelaunt geht alles besser“ gilt nicht unbedingt im Job. Wenn sich dein Kollege mit einer Leistung brüstet, die eigentlich du vollbracht hast, oder deine Leistungen von der Chefetage permanent ignoriert werden, ist es Zeit, das Lächeln zu lassen und deine Stimme zu erheben. Du solltest dich im Job nämlich keineswegs ausnutzen lassen; und genau das ist die Gefahr, die das Mona-Lisa-Syndrom mit sich bringt. Du wirkst durch dein charmantes Lächeln vielleicht sympathisch, bist beliebt und giltst als freundliche Kollegin, wirst aber in Projekten und vor allem bei Beförderungen übergangen. Viele hochsensible Menschen lächeln sogar noch weiter, wenn sie offensichtlich schamlos ausgenutzt werden. Und das nur, um Konflikten aus dem Weg zu gehen. Die Folge: Während die Kollegen dies auf persönlicher Ebene honorieren und vielleicht deinen großzügigen Humor betonen, steckst du in Sachen Karriere zurück.

Gegen ein freundliches Lächeln spricht generell nichts, wenn man in richtigen Momenten auch zu anderen Verhaltensmethoden übergeht

Gerade, wenn du zu den hochsensiblen Menschen mit geringem Selbstbewusstsein gehörst und dich in vielen Situationen schnell unsicher fühlst, steigt die Gefahr für das Mona-Lisa-Syndrom. Dich selbst vor anderen zu behaupten, ist nicht dein Ding, lieber bleibst du im Hintergrund und giltst als sympathische Kollegin? Dann solltest du darauf achten, dass es nicht ausartet und dass deine Gutmütigkeit nicht ausgenutzt wird. Gegen ein freundliches Lächeln spricht generell natürlich nichts, wenn du in den richtigen Momenten auch zu anderen Verhaltensmethoden übergehst. So solltest du übergriffige Kommentare mit passenden Entgegnungen abwehren. Dabei darfst du durchaus charmant sein, doch achte auf deine Körperhaltung. Das heißt: Schultern zurück, Augenkontakt halten und selbstbewusst die Antwort vorbringen. Auch solltest du manchmal deinen Chef gezielt darüber informieren, was du geleistet hast; besonders dann, wenn jemand anders die Lorbeeren für sich beanspruchen möchte. Nicht immer wissen Vorgesetzte, wer welchem Projekt zu einem erfolgreichen Abschluss verholfen hat. Interne Meetings sind ein guter Zeitpunkt, um die Stimme zu erheben und sich mehr einzubringen.

Doch genau das fällt vielen hochsensiblen Frauen schwer. Sie gelten vorwiegend als Teamplayer und holen bei persönlichem Lob durch den Chef oder Kollegen gerne noch andere mit ins Boot. Sie heben die Leistungen der Kollegen in den Vordergrund und stellen ihr eigenes Licht unter den Scheffel. Immer dabei: das freundliche Lächeln. Frauen wirken durch ihr Teamplaying zwar fairer, kommen aber auf der Karriereleiter nicht voran. Hier gilt es, einen gelungenen Mittelweg zu finden zwischen dem charmanten Lächeln und dem selbstbewussten Weg nach oben.

Zeig dich selbstbewusst, aber nicht arrogant

Um dem Mona-Lisa-Syndrom zu entgehen, kannst du an deinem Selbstbewusstsein arbeiten, um schon von deiner Körpersprache her souverän und sicher zu wirken. Denn nur wenige Menschen achten im Berufsalltag ausschließlich auf das, was du sagst und tust – auch die Körpersprache, die Mimik und Gestik haben einen Einfluss auf die Souveränität. Falsche Bescheidenheit ist ebenso fehl am Platz wie das typische „Kleinmädchen“-Verhalten. Dazu gehört, bei drohendem Ärger einfach den Kopf schief zu legen, zu lächeln und auf Sanftmütigkeit zu pochen. Besser ist es, die eigenen Stärken zu kennen und zu zeigen. Dabei gilt es erneut, den richtigen Spagat zwischen Selbstbewusstsein und übertriebenem Eigenlob zu finden. Denn während übertrieben höfliche Menschen mit Mona-Lisa-Syndrom häufig übergangen werden, wirken Menschen, die permanent mit ihren Leistungen prahlen eher wie nervige Angeber, mit denen niemand arbeiten möchte.

Du siehst also: Du musst dein Lächeln keineswegs ablegen, um die Karriereleiter zu erklimmen. Stattdessen solltest du es gelegentlich mit einem selbstbewussten Einwurf im Meeting garnieren, wann immer es notwendig ist. Nimm nicht immer nur auf andere Rücksicht, sondern stelle deine Stärken in den Mittelpunkt. Verbirg dein Fachwissen nicht hinter der niedlichen Fassade und steh dir selbst durch deine Bescheidenheit nicht im Weg. Wenn du den Mittelweg zwischen Freundlichkeit und Selbstbewusstsein gefunden hast, wirst du im Job nicht mehr übergangen – und darfst trotzdem den Tag mit einem Lächeln meistern. Werde so zu einer Vorreiterin für alle hochsensiblen Frauen, die selbstbewusst und freundlich Karriere machen wollen, ganz ohne verkrampfte Mundwinkel.

 

Anne Heintze, Autorin, Mentorin und Transformations-Coach für außergewöhnliche Menschen, widmet sich seit 1988 dem Innenleben und ganz besonders dem Bewusstsein von Menschen. Dabei stehen die Themen Hochsensitivität, Hochsensibilität, Hoch- und Vielbegabung seit vielen Jahren im Mittelpunkt ihrer Arbeit. Ihr Herz schlägt für alle Menschen, die viel vom Leben wollen, die mehr fühlen, tiefer wahrnehmen und große Visionen realisieren wollen. In ihrem aktuellen Buch Hochsensibel im Beruf beleuchtet Heintze die besonderen Lebens- und Arbeitsumstände hochsensibler Menschen.

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