Jetzt alles auf Neuanfang …

Frau sitzt auf dem Boden und schaut Sonnenaufgang zu

pixabay

… oder besser doch nicht? Schon jetzt ist klar, dass nach Corona die Welt eine andere sein wird. Ist das nicht genau der richtige Zeitpunkt, um auch für das eigene Leben die Weichen zu stellen?

Ein Gastbeitrag von Patricia Küll

Noch vor einigen Wochen war mein Terminkalender für dieses Jahr prall gefüllt. Und dann kam innerhalb von Stunden eine Absage nach der anderen. Bis Mitte Mai findet außer meinen Fernsehsendungen nichts mehr statt. Auf einmal habe ich so viel Zeit wie schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Und ich merke, der Leerlauf setzt vieles frei. Emotionen und Gedanken, denen man ansonsten problemlos im Hamsterrad davonlaufen kann.

Für die meisten hat sich das Leben in den letzten Tagen und Wochen gewaltig gedreht. Beruflich und privat steht alles auf dem Kopf. So aus der Spur gehoben, wird jetzt vermutlich bei einigen die Frage laut: Will ich wirklich so weiter machen? Wenn jetzt sowieso alles durcheinandergewirbelt wird, nutze ich dann nicht auch die Veränderungsenergie, um etwas in meinem Leben umzugestalten? Je älter man wird, desto besser kennt man solche Gedanken. In schöner Regelmäßigkeit kommen sie wieder. Also, warum nutzt man die Gunst der Stunde jetzt nicht und setzt das um, wovon man schon lange träumt?

Kopf gegen Bauch

Weil die meisten von uns Kopf und Bauch (oder Herz) nicht in Einklang bekommen. Weil der Kopf das eine sagt und der Bauch das andere. Weil viele es gelernt haben, rationalen Gründen den Vorzug zu geben. Und der Bauch im Laufe der Jahre immer leiser wird, bis man gar nicht mehr spürt, was er uns raten würde. Ich selbst kenne das auch. Ich habe Jahrzehnte Entscheidungen aus dem Kopf heraus getroffen. Die Kriterien waren: Ist es gut für meinen Lebenslauf? Bringt es Geld oder wenigstens Prestige? Erfülle ich damit die Erwartungen meines Umfeldes? Die Frage, ob mich die Entscheidung glücklich macht, habe ich mir lange nicht gestellt. Erst nach meiner Coaching-Ausbildung fing ich nach und nach an, Entscheidungen anders zu treffen.

Heute weiß ich, dass es gut ist, mal auf seinen Kopf zu hören, ein anderes Mal dem Bauch zu folgen. In diesen Coronazeiten lasse ich gern meinen Kopf vorangehen, der mich dazu zwingt, täglich meine Struktur einzuhalten. Morgens aufzustehen, die Kinder zu wecken, Frühstück zu machen und den ganzen Vormittag am Schreibtisch zu verbringen. Diese Struktur gilt für die ganze Familie. Würde ich auf meinen Bauch hören, käme ich nicht aus dem Bett, würde mittags frühstücken und mich abends mit allen Familienmitgliedern streiten, weil keiner seine Aufgaben erledigt hat.

Wie kommt man zu einer guten Entscheidung?

Wenn es aber darum geht, die Zufriedenheit im Leben wachsen zu lassen, dann ist es empfehlenswerter auf den Bauch zu hören. Aktuell beschäftige ich mich zum Beispiel mit der Frage, ob ich dieses Leben mit einem ständig prall gefüllten Terminkalender so weiterleben will. In meinem Alter, mit Anfang fünfzig, kommt auch immer wieder die Frage auf: Was kommt jetzt noch? War das schon alles? Hierzu gibt es auch Impulse auf meinem Blog Freutagsgedanken.

Doch wie kommt man nun zu einer guten Entscheidung, wenn man merkt, dass die Unzufriedenheit zunimmt, der Kopf einen aber fest auf dem Platz hält? Wie findet man heraus, was man wirklich will? Es gibt viele tolle Tools, die einem weiterhelfen. Für die Anwendung braucht man ein wenig Zeit und Ruhe, denn wer es nicht mehr gewohnt ist, ehrlich in sich hineinzuhorchen, landet ganz schnell wieder bei den gewohnten (Kopf)Lösungen.

Das 10-10-10-Modell

Bei dem 10-10-10-Modell der US-amerikanischen Autorin Suzy Welch stellt man sich vor, wohin einen eine Entscheidung in 10 Minuten, in 10 Wochen und in 10 Jahren bringen könnte. Wenn sich bei Ihnen im Job viel Unzufriedenheit breit gemacht hat und Sie sich mit dem Gedanken tragen, die Stelle oder vielleicht sogar ganz den Beruf zu wechseln, dann machen „10 Minuten“ keinen Sinn, deswegen habe ich den ersten Schritt gegen „10 Wochen“ ausgetauscht. Bei diesem Modell stellen Sie sich sehr detailliert Ihre Zukunft vor. Pessimisten neigen bei diesem Gedankenspiel dazu, den „worst case“ aufzuzeichnen, Optimisten gehen eher lieber vom „best case“ aus, ich empfehle den „most probable case“, also den Fall, der am wahrscheinlichsten eintritt.

Wichtig ist es, sich so konkret wie möglich vorzustellen, wie ein Berufs- bzw. Jobwechsel das Leben verändern würde, also alle Folgen, die so ein Wechsel mit sich bringt. Fragen Sie sich, wie sich Ihre beruflichen Möglichkeiten entwickeln könnten – wenn Sie gehen, aber auch welche Auswirkungen ein Bleiben mit sich bringe. Wie sieht dann Ihr Arbeitsalltag aus? Welche Aufgaben, welche Herausforderungen müssen Sie stemmen? Was ändert sich zwischenmenschlich für Sie? Wie reagieren voraussichtlich Familienmitglieder? Wer wird Sie unterstützen? Mit welchen Gefühlen gehen Sie dann täglich zur Arbeit? In 10 Wochen, in 10 Monaten und in 10 Jahren? Lassen Sie ihrer Fantasie freien Lauf, aber achten Sie dennoch darauf, dass die erdachten Möglichkeiten dem „most probably case“ entsprechen. Schreiben Sie möglichst viele Details auf, damit sie nicht verloren gehen.

Natürlich können wir die Zukunft nicht voraussagen, aber beim Aufschreiben Ihrer Zukunftsvision bemerken Sie bestimmt körperliche Signale. Ein Lächeln um den Mund oder vielleicht auch weiche Knie. Auf diese Signale sollten Sie achten, denn sie zeigen, woran man Freude hat – oder eben auch nicht. Oft geht es bei einem vielverheißenden Neuanfang gar nicht darum, dorthin zu kommen, sondern von etwas weg zu kommen. Dann wird einen das neue Ziel auch nicht glücklich machen. Die 10-10-10-Methode hilft, herauszufinden, wo man in zehn Jahren wirklich stehen will, ob ein Neuanfang sinnvoll ist oder ob man eigentlich nicht schon am richtigen Platz ist, aber Feinjustierungen notwendig sind.

 

Patricia Küll ist Moderatorin, Fernsehredakteurin, Buchautorin und diplomierte systemische Coach. In ihren Büchern und Vorträgen gibt sie Impulse für ein gelingendes Leben. Ihr neues Buch Kopf zerbrechen oder dem Herzen folgen? Wie Sie gute Entscheidungen treffen, das sie zusammen mit Prof. Jörg Kühnapfel geschrieben hat, erschien im Gabal Verlag.

Passend zum Thema