„Für die Gründung habe ich mein Sparschwein geplündert“

"Schon vor meinem Studium zur Kommunikationswirtin habe ich davon geträumt, mein eigenes Unternehmen aufzubauen", so Sandra Roggow.

Mirja Hoechst Fotografie

"Schon vor meinem Studium zur Kommunikationswirtin habe ich davon geträumt, mein eigenes Unternehmen aufzubauen", so Sandra Roggow.

Vor nicht ganz einem Jahr ging die Hamburgerin Sandra Roggow mit ihrer Internetplattform “Kitchennerds” online. Seitdem beherrscht der Marktplatz für die Vermittlung von Privatköchen ihr Leben – zumindest kulinarisch.

2013 beginnt für die 35-Jährige Sandra Roggow das Abenteuer Selbstständigkeit. Sie plündert ihr gesamtes Sparschwein und gründet zusammen mit der epublica GmbH die Internetplattform Kitchennerds. Damit erfüllt sie sich nicht nur ihren Traum von der Selbstständigkeit. Sie macht so auch Gastgeberträume wahr, denn mit Kitchennerds wird das Esszimmer zum heimischen Restaurant.

die Chefin: Was genau ist Kitchennerds?

Sandra Roggow: Kitchennerds ist eine Online-Plattform, über die man sich einen Privatkoch für Zuhause buchen kann – zum Beispiel für Partys, einen Abend mit guten Freunden, Kochkurse in der heimischen Küche oder ein romantisches Dinner zu zweit. Viele denken immer, ein Privatkoch ist eine immens teure Sache. Dabei kostet er nicht mehr als ein Besuch in einem guten Restaurant.

Darüber hinaus können Firmen über uns einen Teamlunch buchen, der in ihren Räumen stattfindet. Eine voll ausgestattete Küche, wie sie nur selten in Büros zu finden ist, ist dabei gar nicht nötig. Unsere Köche bringen das Equipment mit. Überhaupt sorgen die Köche für alles: den Einkauf, einen reibungslosen Ablauf sowie das Aufräumen der Küche. Gastgeber können sich so voll und ganz um ihre Gäste kümmern.

Mit dem Concierge-Service für maßgeschneiderte Angebote, über den wir auch Locations vermitteln, sollte die heimische Küche zu klein für eine Gesellschaft sein, runden wir unser Angebot ab.

die Chefin: Wie gewährleistet Kitchennerds, dass die Köche qualitativ kochen können?

Roggow: Köche können sich nicht einfach selbst bei uns eintragen, sondern müssen einen mehrstufigen “Bewerbungsprozess” durchlaufen. Dazu gehört, dass wir die Qualifikationen klären, also ob der Interessent ein gelernter Koch oder ein erfahrener Hobbyist ist. In einem persönlichen Gespräch lernen wir den Bewerber kennen, um zu schauen, ob wir zusammenpassen. Abschließend prüfen wir das kreative Können bei einem Testkochen.

Passt alles, wird in Zusammenarbeit mit unserem Video-Scout ein kleiner Film gedreht, damit der Koch sich in seinem Profil persönlich vorstellen kann. So erhalten Kunden am besten einen Eindruck vom Koch.

die Chefin: Was war die Motivation zur Gründung?

Roggow: Schon vor meinem Studium zur Kommunikationswirtin habe ich davon geträumt, mein eigenes Unternehmen aufzubauen. 2010 nahm der Traum etwas mehr Gestalt an, als ich während meiner zweijährigen Zeit als “Qype City-Patin” für Hamburg zahlreiche Events für die Community veranstaltete und dazu auch einige Tastings und Kochkurse gehörten. Ich war fasziniert, wie online und offline zusammengebracht werden konnten und wie sehr sich die Leute im Kochkurs für die Tipps und Tricks eines Profikochs interessierten. Die Köche wiederum erfreute es, als Künstler am Herd im Mittelpunkt zu stehen.

Als ich dann für meinen Job kulinarische Mitarbeiter-Events organisierte, stellte ich fest, dass ich die Informationen zu den Mietköchen an den verschiedensten Orten zusammensuchen musste. Weil dieser Überblick fehlte war ich eine Ewigkeit damit beschäftigt, Preise und konkrete Angebote der Mietköche zusammenzutragen. Dieser fehlende Überblick brachte mich letztendlich auf die Idee von Kitchennerds.

die Chefin: Wie lange hat es von der Idee bis zum Online gehen gedauert?

Roggow: Obwohl mein Wunsch zur Existenzgründung sehr stark war, hat der Schritt von der Festanstellung zur Gründung noch lange gedauert. Am Ende hat mein Lebensgefährte mich ermutigt, aus der Komfortzone, die eine Festanstellung meist mit sich bringt, auszusteigen.

Wofür ich ihm sehr dankbar bin, ist nicht nur seine finanzielle Unterstützung, er ist mein Gründungspartner von Kitchennerds, sondern auch seine Bedingung, dass ich in Vollzeit gründe.

2013 war es dann soweit, ich hängte meinen Job an den Nagel, um mich voll und ganz Kitchennerds widmen zu können. Dazu gehörte zunächst, meinen Businessplan zu schreiben – um festzustellen, dass es auf dem Globus bereits Start-Ups mit ähnlichen Konzepten gab.

Weil Kitchennerds kein Klon werden sollte, investierte ich noch einmal mehr Zeit in die Entwicklung der Plattform. Nicht zuletzt deshalb haben wir technisch nicht auf eine Baukastenlösung à la WordPress gesetzt, sondern epublica engagiert, unsere Webseite zu programmieren – um von Anfang an auf eine eigene und damit extrem flexible Lösung setzen zu können.

Seit Ende September 2014 sind wir mit dem Angebot live und konnten bereits viele Köche erfolgreich vermitteln. Die Entwicklungsarbeit ist aber noch lange nicht zu Ende. Wir haben noch eine ganze Menge an Ideen und Konzepten, die wir zeitnah umsetzen werden.

die Chefin: Warum fiel die Entscheidung für Hamburg als Ort zur Gründung?

Roggow: Obwohl mir erfolgreiche Hamburger Online-Unternehmer den Ratschlag gaben, nach Berlin zu gehen, da es dort die beste Infrastruktur gibt, habe ich mich für Hamburg entschieden. Ich persönlich kann mir keinen schöneren Standort als Hamburg zum Gründen vorstellen. Auch hat die Stadt in den letzten Jahren einige tolle namhafte Online-Unternehmen hervorgebracht, die hier heute nicht mehr wegzudenken sind – das motiviert.

Ferner habe ich mir in Hamburg ein wunderbares Netzwerk mit vielen phantastischen Menschen aufgebaut, auf dass ich nicht gern verzichten möchte. Die Digital Media Women zum Beispiel haben mich neben meinem Partner sehr ermutigt, den Schritt zur Gründung zu wagen. Das alles sind Faktoren, die mir gezeigt haben, dass auch Hamburg eine Infrastruktur bietet, die ein sehr guter Nährboden für Start-Ups ist.

die Chefin: Wie haben Sie die Gründung finanziert?

Roggow: Für die Gründung von Kitchennerds habe ich einerseits mein komplettes Sparschwein geplündert. Andererseits hatte ich das große Glück, mit meinem Lebensgefährten nicht nur den größten Fürsprecher für mein Projekt, sondern auch seine Firma, die epublica GmbH, als finanzielle Unterstützung zu haben. Neben der Plattform wer-weiss-was.de hat das Unternehmen u.a. Xing für Lars Hinrichs entwickelt. Weitere Beteiligungen benötigen wir bisher ebenso wenig wie einen Gründungszuschuss oder andere Förderungen.

die Chefin: Welche Probleme oder Hürden gab es bei der Gründung?

Roggow: Die größte Hürde war sicherlich der Gründungszuschuss. Die Beantragung und die damit verbundene Arbeit inklusive ständiger Behördengänge war viel Arbeit für nichts. Obwohl mir nahegelegt wurde, es dennoch zu versuchen, habe ich am Ende mehr Zeit und Geld in kostenpflichtige Gutachten investiert und so mehr verloren als mir lieb war.

die Chefin: Was würden Sie mit dem heutigen Wissen anders machen?

Roggow: Mit Sicherheit würde ich heute einiges anders machen. Ich würde nicht so lange Zeit in die Aussicht auf einen Gründungszuschuss investieren, vieles verstärkt selbst in die Hand nehmen und Mitarbeiter erst einstellen, wenn ich mir wirklich sicher wäre, dass ich sie auch brauche.

Auch rate ich, auf jemanden mit Biss und Berufserfahrung zu setzen statt auf einen günstigen Praktikanten. Das erfordert zwar mehr Kosten, ist aber eine deutlich effektivere Investition. Meiner Erfahrung nach sind gute und zuverlässige Freelancer das Beste, in was ein Start-up am Anfang investieren sollte.

die Chefin: Was war der beste Rat, den Sie bezüglich der Gründung bekommen haben?

Roggow: Der beste Rat war, dass ich in Vollzeit gründen sollte. Denn ein Projekt wie Kitchennerds funktioniert am Ende nur so. Mit einer Vollzeit-Gründung kann ich mich 100-prozentig meinem Vorhaben widmen und habe auch den nötigen Druck, meine geschäftliche Existenz effektiv voranzutreiben.

die Chefin: Welchen Rat haben Sie für andere, die noch vor der Gründung sind?

Roggow: Wer sich mit dem Gedanken beschäftigt, sein eigenes Unternehmen zu gründen, dem rate ich ein gutes Netzwerk aufzubauen und darin nach Leuten zum Skill Swap und aktiven Coworking zu suchen.

Ferner sollte man sich nach guten Kooperationspartnern zum gegenseitigen Pushen umschauen. Coworking-Spaces und Events in der örtlichen Gründerszene können helfen, die entsprechenden Partner zu finden. Und auch der regelmäßige Austausch mit anderen Gründern ist sehr wichtig, um voneinander lernen zu können.

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