„Frauen, tötet Euer Panik-Kaninchen!“

Panik-Kaninchen Freddy ist, wie sein berühmtes Vorbild, sehr nachtaktiv.

pexels

Panik-Kaninchen Freddy ist, wie sein berühmtes Vorbild, sehr nachtaktiv.

Wenn ich es am wenigsten gebrauchen kann, kommt mein Panik-Kaninchen. Ich habe es Freddy getauft – nach Freddy Krueger aus “Nightmare on Elm Street”. Inzwischen habe ich Freddy aber ganz gut im Griff!

Ein Gastbeitrag von Mona Schnell

Ich war gerade mal zehn Jahre alt, als meine Oma sagte: Wenn du keine gute Hausfrau wirst, findest du keinen Mann. Das war bei uns auf dem Land so. Die Tochter der Nachbarn wurde nach der zehnten Klasse aus der Schule genommen, weil sie als Frau ja kein Abitur bräuchte oder gar studieren müsste. Das wäre vertane Zeit, weil sie ja heiraten und Kinder kriegen würde.

Schon damals habe ich nicht verstanden, warum der Ehemann so wichtig war. Aber aus Angst, dass ich ohne einen Mann vielleicht weniger Wert wäre, lernte ich zu kochen, Wäsche zu waschen und zu putzen. Nur am Bügeln bin ich bis heute kläglich gescheitert. Vielleicht bin ich deshalb auch noch nicht verheiratet. Wahrscheinlich ist das mit dem Heiraten aber gar nicht so wichtig, sondern nur ein weiterer Zwang, mit dem man uns Frauen sagen möchte: Ohne diesen Ring am Finger, hast du nicht genug erreicht.

Ich weiß es besser. Ganz ehrlich! Und trotzdem ertappe ich mich manchmal dabei, wie ich denke: Hätte ich nicht doch? Das ist natürlich Quatsch. Als ich mit meinem Lebensgefährten vor neun Monaten eine Firma gegründet habe, gab es mich bereits seit einem knappen Jahrzehnt selbständig und finanziell völlig unabhängig. Rational betrachtet ist alles im Grünen. Aber irrational gesehen gibt es da dieses Tier mit den langen Löffeln, das mich immer dann besuchen kommt, wenn ich nicht damit rechne und wenn ich es am wenigsten brauchen kann – mein Panik-Kaninchen. Ich habe es Freddy getauft – nach Freddy Krueger aus Nightmare on Elm Street.

Nachts wird’s gruselig

Freddy ist, wie sein berühmtes Vorbild, sehr nachtaktiv und schaut immer dann vorbei, wenn mein Körper den Serotoninspiegel drosselt. Anstatt ordentlich Glückshormone zu produzieren, beschäftigt sich mein Gehirn damit, Geschichten zu erfinden. Schlimme Geschichten darüber, was alles Furchtbares passieren könnte. Es wäre doch möglich, dass ich mich verletze und für längere Zeit ausfalle. Dann könnte ich meine Miete nicht mehr bezahlen, würde aus meiner Wohnung fliegen. Wer vermietet schon an eine kranke Selbstständige. Ich würde niemals wieder eine Wohnung bekommen, vor allem nicht in Hamburg. Ich müsste mich mit Gelegenheitsjobs durchschlagen, um wenigstens ein WG-Zimmer zu bekommen – und nicht in der Bahnhofsmission zu enden. Und das alles ohne Ehemann, der mich emotional und finanziell auffangen könnte.

Während Freddy mir voller Begeisterung meine Gedanken souffliert, schmiegt er sich immer enger an mich und knabbert genüsslich an meinem Selbstbewusstsein. Stunde um Stunde vergeht. Ich kann nicht schlafen, wälze mich von einer Seite auf die andere und überprüfe regelmäßig am Handy meinen Kontostand, um auszurechnen, wie lange das Guthaben noch reicht. Oder ich wälze Jobangebote. Man weiß ja nie…

Was da alles schief gehen kann

Übrigens, die Stories, die mich in solchen Nächten heimsuchen, denke ich mir nicht selbst aus. Die habe ich alle schon irgendwo zu hören bekommen – zum Beispiel von meinen Eltern.

Als ich mich selbständig machte, um genau zu sein, an Weihnachten, bevor es dann im neuen Jahr offiziell wurde, nutzte meine Familie die gemeinsamen Festabende dafür, mich zu warnen. Jeden Abend kam ein neues Szenario auf den Tisch, bei dem überprüft wurde, ob ich darauf vorbereitet war. Was wäre zum Beispiel, wenn ich keine Kunden finden könnte? Hatte ich bedacht, dass ich immer mindestens das Geld für drei Monate auf einem separaten Konto parken müsste, um bei Auftragsflaute zu überleben? Wusste ich denn auch, dass Brutto auf keinen Fall Netto war? Hatte ich mich mit sämtlichen Versicherungen abgesichert, um alle Eventualitäten auszuschließen? War ich darauf vorbereitet zu scheitern? Ich muss meinen Eltern zu Gute halten, dass sie nicht an mir zweifelten, weil ich eine Frau bin. Es war eher die Vorstellung, dass ihr „kleines“, damals bereits über 30-jähriges Mädchen, nicht alles bedacht hatte, was sie bereits „wussten“.

Kill Dein Kaninchen!

Tatsächlich hatte ich eine Menge, auf keinen Fall aber alles bedacht. Und das war gut so. Hätte ich mich damals von Gefahren und Risiken einschüchtern lassen, hätte ich das mit der Selbstständigkeit gleich gelassen. Von Anfang an hatte ich nie Probleme, Auftragnehmer zu finden. Ja, da waren auch unzufriedene Kunden dabei. Ich musste schon manchen Text fünfmal schreiben, weil die Chefredaktion ihn in meiner ursprünglichen Version nicht wollte, nicht gut genug fand oder sich öfter einmal einen neuen Schwerpunkt ausdachte. Ja, es gab Kunden, die nicht bezahlt haben – viel verlorenes Geld und nicht vergütete Zeit. Ja, es passiert fast täglich etwas, auf das ich nicht vorbereitet bin, egal wie gut ich plane. Aber nein, ich habe es noch nicht einen Tag lang bereut, dass ich immer wieder statt auf meinen Kopf, auf meinen Bauch höre. Nein, ich würde mit allem, was ich inzwischen weiß, nichts anders machen, auch wenn mir dann die ein oder andere schlechte Erfahrung erspart bliebe. Und nein, ich schaffe es trotzdem immer noch nicht, jede Nacht durchzuschlafen und mir keine Gedanken darüber zu machen: was wäre, wenn?

Freddy habe ich aber inzwischen ganz gut im Griff. Der hat ein Kissen auf dem Fußboden neben meinem Bett – da, wo ich ihn gut sehen kann. Ab und zu stolpere ich trotzdem über ihn, aber verletzt habe ich mich dabei noch nie. Und wenn er wieder mal versucht, unter meine Decke zu kriechen, dann kriegt er einen Tritt, bis er wieder weiß, wo er hingehört. Ich stelle mir dann alles das vor, was bereits gut gelaufen ist und geklappt hat, anstatt auf den blöden Rammler zu hören, der mir nur Horrorgeschichten ins Ohr flüstert. Manchmal denke ich sogar, ich habe ihm den Garaus gemacht. Aber dann liegt er doch wieder auf der Lauer und wartet auf seine Chance.

Lesen Sie auf Die Ratgeber, wie Männer mit ihrem „Kaninchen“ umgehen.

 

Seit ihrem Journalismus-Studium arbeitet Mona Schnell als freie Journalistin. Seit zehn Jahren leitet sie eine Agentur für PR, Management und Booking mit dem Fokus, Musiker, Comedians und Experten stimmig in den Medien zu platzieren. Außerdem ist sie Ghostwriterin und Autorin von Kill Dein Kaninchen! Wie du irrationale Ängste kaltstellst.

Passend zum Thema