Die meisten Deutschen finden ihr Gehalt unfair

Eine Studie zeigt: Die meisten Beschäftigten in Deutschland haben den Eindruck, ihr Gehalt sei nicht leistungsbezogen.

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Eine Studie zeigt: Die meisten Beschäftigten in Deutschland haben den Eindruck, ihr Gehalt sei nicht leistungsbezogen.

Dass Frauen in Deutschland im Schnitt geringer und damit ungerechter bezahlt werden als Männer, ist statistisch längst durch den Gender Pay Gap belegt. Nun zeigt eine neue Analyse, dass sich auch die Mehrheit der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer hierzulande unfair bezahlt sieht.

Nur jeder dritte Deutsche findet seine eigene Bezahlung im Vergleich mit der von Kolleginnen und Kollegen und anderen Beschäftigten mit ähnlichen Aufgaben für angemessen, wie eine Untersuchung der Unternehmensberatung Korn Ferry Hay Group zeigt. Das Beratungsunternehmen hatte bereits 2012 eine entsprechende Untersuchung durchführen lassen. Damals waren es immerhin 40 Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Für die Analyse wurden die Antworten von fünf Millionen Beschäftigten weltweit untersucht worden – davon 250.000 aus Deutschland.

Die Antworten deuten darauf hin, dass zunehmend mehr Menschen eine Aufspaltung der Gesellschaft in arm und reichen sehen und sich die Gerechtigkeitsdebatte neu entfacht. Denn als Hauptkritik wird genannt, dass das eigene Gehalt nicht leistungsgerecht sei. Zunehmend kommen neue Aufgaben dazu, die Arbeit verdichtet sich, wird flexibler, wächst ins Privatleben hinein – und obgleich hierzulande die Wirtschaft brummt und stabil ist, steigen die Löhne nur wenig. Das Gefühl der Ungerechtigkeit ist in Deutschland dabei besonders stark ausgeprägt: Weltweit nehmen 41 Prozent die eigene Vergütung im Vergleich zu anderen Beschäftigten als fair wahr. In Österreich sind es 44 Prozent, in der Schweiz sogar mehr als die Hälfte (52 Prozent) der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Und mehr noch: Die Deutschen sind besonders skeptisch, was das Leistungsprinzip angeht. Weniger als ein Drittel (30 Prozent) der Beschäftigten in Deutschland hat den Eindruck, dass sich Leistung direkt auf das Gehalt auswirkt – eher im Gegenteil. In anderen europäischen Ländern ist die Skepsis hier nicht so groß. Immerhin glauben 44 Prozent aller Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer weltweit, dass es sich noch immer finanziell und für die Karriere lohne, Leistungen zu bringen.

„Unsere Analyse zeigt einen negativen Trend über die vergangenen Jahre. Immer mehr Menschen haben das Gefühl, dass sie im Vergleich zu anderen nicht fair entlohnt werden. Vieles spricht dafür, dass sich diese Entwicklung weiter fortsetzen wird – zumindest sofern die Unternehmen hier nicht eingreifen“, wird eine Managerin des Beratungsunternehmens in der Studie zitiert. „Unternehmen sollten die Meinung ihrer Mitarbeiter zu diesem Thema ernst nehmen. Denn wer sich unfair behandelt fühlt, ist meist weniger motiviert und denkt häufiger darüber nach, die Firma zu verlassen.“

Raus aus dem Gefühl der Ungerechtigkeit

Die Ergebnisse erstaunen nicht, wenn man sich anschaut, wie sich der deutsche Arbeitsmarkt in den vergangenen Jahren entwickelt hat: Jeder zweite Vertrag ist nur noch befristet. Tarifbindung nimmt zunehmend ab. Gerade einmal jede und jeder fünfte abhängig Beschäftigte ist überhaupt noch gewerkschaftlich organisiert. Und die Lohngefälle ebenso wie der Gender Pay Gap sind in jenen Branchen und Berufen besonders krass, in denen die Gehälter frei ausgehandelt werden. Es ist eben nicht so, dass der freie Markt gerechte Vergütung schafft – der freie Markt schafft vor allem Ungerechtigkeit und eine zunehmende Spaltung in einige wenige Superreiche und viele eher Ärmere und Arme. Das geplante Entgeltgleichheitsgesetz, das Familienministerin Manuela Schwesig vorantreibt und das vor allem ein Instrument für Frauen sein soll, die Lohnlücke zu schließen, ist daher der richtige Schritt. Noch besser wäre aber ein Bewusstseinswandel bei den Arbeitnehmerinnen und Arbeitern: Raus aus dem Gefühl von Ungerechtigkeit, rein in die Organisationsbereitschaft – und wieder starke Flächentarife, die eine Untergrenze für Löhne und Gehälter markieren und Gehaltsbestandteile an Leistungen und nicht an gefühlte Marktwerte von Arbeitnehmerinnen und Arbeiternehmern koppeln.

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