Der A-Quotient

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Das Niveau an Führungsqualität in Deutschlands Chefetagen ist erschreckend niedrig.

Deutschland hat ein Problem mit der Qualität seiner Chefs, wovon die meisten Männer sind. Ein neues Buch stellt die Frage: Kann es sein, dass es da einen Zusammenhang gibt?

Ein Gastbeitrag von Dr. Till Tolkemitt

Ob Auswahlverfahren für Führungskräfte oder die Partnerwahl: Immer wieder fallen wir auf charmante Arschlöcher rein – und bei Männern ist die Arschloch-Quote nun mal höher als bei Frauen. So, etwas zugespitzt, lautet die Hauptthese von Tomas Chamorro-Premuzic, der an der Columbia University in New York und am University College London Business-Psychologie unterrichtet sowie Chief Scientist der Manpower-Group ist – nachzulesen in seinem aktuell erschienenen Buch Warum so viele inkompetente Männer in Führungspositionen sind (und was man dagegen tun kann).

Denn herkömmliche Auswahlverfahren für Führungskräfte sind entweder gar nicht vorhanden, das heißt, der Chef/die Chefin wählt einfach jemanden aus, den er/sie für geeignet hält. Oder das gute alte Vorstellungsgespräch. In beiden Fällen wirkt die Arschloch-Quote Wunder. Oder, diplomatischer formuliert, bei Präsentationen, Vorträgen und Diskussionen des Führungskreises im „großen Konfi“ kann man, wie im Vorstellungsgespräch auch, besonders durch Eloquenz, Witz, Charme und starke Meinungen auffallen. Und, indem man viel redet und andere dominiert. Daher beeindrucken Bewerber vor allem dann, wenn man diese „Chef-Aura“ hat und entsprechend selbstbewusst auftritt.

Wir schauen auf die falschen Dinge

Genau diese Eigenschaften korrelieren eng mit der Höhe des A-Quotienten eines Menschen. Sie sind sozusagen die Erfolgsformel eines bestimmten Typs, dessen andere Seite nicht so toll ist. Denn diese Eigenschaften verwechseln wir regelmäßig mit Führungsqualität, also damit, was es braucht, ein guter Chef oder eine gute Chefin zu sein. Warum? Weil wir anfällig für solche strukturellen Fehlentscheidungen sind. Genauso, wie man sich in den coolen Typen verliebt, ihn heiratet und sich dann wundert, dass er gar kein guter Familienmensch ist. Wir schauen einfach auf die falschen Dinge – bei der Partnerwahl genauso wie bei der Führungskräfteauswahl. Nicht immer und nicht alle von uns, aber tendenziell.

Das Niveau an Führungsqualität in Deutschlands Chefetagen ist erschreckend niedrig. Wir alle kennen das. Jeder kann eine haarsträubende Geschichte über Chef-Verhalten und schlechte Führung erzählen. Die meisten Chefs sind dabei Männer. Daher geht Chamorro in seinem Buch der Frage nach: Kann es sein, dass es da einen Zusammenhang gibt? Und zeigt, das es den gibt!

Der Prozentsatz an Psychopathen und Narzissten ist unter Männern deutlich höher als unter Frauen

Verschiedene wissenschaftliche Untersuchungen – und das entspricht auch meinen Erfahrungen – bestätigen: Der Prozentsatz an Psychopathen und Narzissten ist unter Männern deutlich höher als unter Frauen. Psychopathen sind dabei Menschen, die für sich in Anspruch nehmen, dass die allgemeinen Regeln für sie nicht gelten. Narzissten sind Menschen, die sich selbst sehr toll und vor allem besser als andere finden. Beide Menschentypen haben jedoch nicht nur eine dunkle, sondern auch eine helle Seite. Weil sie gut auftreten (Selbstverliebtheit hilft da sehr) und Dinge verändern können (wer nicht an Regeln glaubt, hat es beim Verändern manchmal einfacher), glänzen sie oftmals im Vorstellungsgespräch oder Situationen, in denen man sich darstellen und selbst verkaufen muss. Gute Führung in dem Sinne, dass man ein Team zum Erfolg führt, ist allerdings etwas ganz anderes als eine gelungene Selbstdarstellung. Hier sind Narzissmus und Psychopathie nicht nur nicht hilfreich, sondern sogar absolut kontraproduktiv.

Wie aber funktioniert gute Führung? Was ist eine gute Chefin, ein guter Chef? Meiner Meinung nach kann man Chefs anhand von zwei Kriterien einordnen: ihrem Führungsstil und ihrem Menschenbild. Eine gute Chefin bzw. ein guter Chef hat einen aktiven Führungsstil. Das heißt, man kümmert sich um sein Team als Ganzes, aber auch um die einzelnen Teammitglieder. Man spricht regelmäßig mit ihnen und versucht sie dabei zu unterstützen, besser zu werden. Das heißt, man schaut gemeinsam, wo der Mitarbeiter steht und fragt nach, was er braucht, um seine Aufgaben optimal erledigen zu können. Um am Ende Ziele zu entwickeln sowie die Mitarbeiter darin zu unterstützen, diese auch zu erreichen. Das heißt, gute Chefs sind mit ihren Mitarbeitern generell im engen Austausch.

Gute Chefs trauen ihren Mitarbeitern etwas zu

Vorgesetzte mit einem passiven Stil handeln völlig anders: Sie sind oft abwesend und düsen irgendwo in der Welt herum. Sind sie da, sind sie vor allem mit ihrem eigenen Glanz beschäftigt und geben ihrem Team Anweisungen oder delegieren die Arbeit. Vielleicht setzen sie noch eine Deadline, verschwinden dann aber wieder und warten auf das Ergebnis. Manchmal vergessen sie den von ihnen erteilten Auftrag auch und demotivieren mit Aussagen wie: „Ach das, das hat sich eigentlich bereits erledigt. Aber trotzdem danke.“ Oder sie sind mit der Arbeit nicht zufrieden, meckern, halten Predigten oder reißen die Arbeit an sich: „Lass’ mal, ich mach’ das lieber selbst.“ Das Ergebnis: frustrierte, genervte Mitarbeiter, was schlechte Teamleistungen zur Folge hat.

Das andere Kriterium ist ihr Menschenbild. Gute Chefs trauen ihren Mitarbeitern etwas zu. Sie arbeiten mit dem Team und jedem Teammitglied. Sie geben ihnen nicht nur das Gefühl, sondern glauben auch daran, dass sie das schaffen, was sie sich vornehmen. Und sie geben ihnen den Raum, ihre Arbeit selbst zu gestalten. Sie sind also fern von Kontrollen, Mikro-Management und Misstrauen – was Mitarbeiter zu Höchstleitungen motiviert.

Psychopathen als „freie Radikale“ oder Top-Verkäufer einzusetzen, kann sinnvoll sein, denn als Rennpferd im Stall ist so mancher Mensch dieses Typs nicht schlecht. Als Leiter der Nachwuchsabteilung oder als Geschäftsführer der Stall-Gesellschaft mit Personalverantwortung aber gilt: Bitte nicht!

Vielleicht ist nicht das Problem, dass Frauen an eine gläserne Decke stoßen, sondern, dass es inkompetenten Männern so leichtfällt, aufzusteigen

Warum so viele inkompetente Männer in Führungspositionen sind (und was man dagegen tun kann) ist für alle, die unter ihrem Chef leiden und verstehen wollen, wie er da hingekommen ist, wo er ist. Es ist aber auch ein Buch für diejenigen, die eine bessere Chefin bzw. ein besserer Chef sein wollen. Und es ist ein Buch für Personaler, die mit der Auswahl von Führungskräften zu tun haben. Denn vielleicht ist das Problem ja nicht, dass Frauen an eine gläserne Decke stoßen, sondern, dass es inkompetenten Männern so leichtfällt, aufzusteigen.

Natürlich können auch Frauen schlechte Chefs sein. Zum Beispiel solche, die sich zu sehr an Sheryl Sandbergs Ratschlag des „Lean In!“ orientieren. Klar, reinhauen muss man schon mal, um nach oben zu kommen. Aber in der Sache und nicht vom Stil her. Denn die schlechten Chefs, die heute in den oberen Etagen sitzen, zu imitieren, kann nicht der Weg in eine bessere, weiblichere Führungszukunft sein.

Besser wäre, wenn eine Art Parship-Algorithmus die Auswahl für uns übernähme – denn wir wählen ja eh immer die falschen aus. Denn bereits jetzt arbeitet eine Vielzahl von Start-ups daran, Systeme zu entwickeln, die mit Hilfe von Datenanalysen und Algorithmen diejenigen Bewerber und Mitarbeiter vorschlagen, die das Talent zur guten Führungskraft haben. Und das werden dann, laut Statistik und Wissenschaft, mehr Frauen sein, als es zur Zeit der Fall ist. Da kann man nur sagen: Her mit den Personal-Robotern!

 

Dr. Till Tolkemitt, Führungs-Coach und Unternehmensberater, begleitet Menschen der ersten und zweiten Management-Ebene sowie High Potentials dabei, ihr ganzes Potential als Führungskraft zu entfalten. In Warum so viele inkompetente Männer in Führungspositionen sind (und was man dagegen tun kann) von Tomas Chamorros hat er das Vorwort geschrieben.

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