Chefinnen finden schwer in ihre Führungsposition

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Frauen haben eine historisch gewachsene Geschichte zu tragen, die uns mit Unterordnung, fehlender Gleichberechtigung und einem Minderwert konfrontiert.

Frauen und Verantwortungsübernahme, das passt zusammen. Kommt aber Ruhm dazu, wird es schwer. So zumindest die Erfahrung der Konfliktexpertin Anke Sommer.

Ein Gastbeitrag von Anke Sommer

Die Erfahrungen meiner Leadership-Coachings für Unternehmerinnen und -Gruppenarbeiten mit Chefinnen und Chefs belegen dieses systemisch bedingte Phänomen. Dabei heißt systemisch hier so viel wie: eine gewachsene Struktur, in der sich zahlreiche Informationen halten und weiter fortsetzen. Das heißt, jeder Verantwortungsträger gibt seine Informationen willkürlich und unbewusst hinein. Dabei werden insbesondere die Negativinformationen später zum Problem – wie das Beispiel eines Familienunternehmens zeigt.

Das Familienunternehmen wurde vor 27 Jahren gegründet. Die Frau des Hauses hatte nicht nur die Idee dazu, sondern auch alle notwendigen geschäftlichen Kontakte, die das Geschäft auf dem Markt etablierten. Ihre offene Art wirkte wie ein Magnet, fast jede Kommunikation ging daher über sie. Mittlerweile hat das Unternehmen an die 30 Mitarbeiter. Chef auf dem Papier ist jedoch ihr Mann. Ihr fehlt der Titel. Typisch für die alte Generation, könnten Sie jetzt denken. Das ist aber nur die halbe Wahrheit.

Ernten Sie Lorbeeren, die Sie sich verdient haben, nicht, ist das eine Störung, die empfindlich weh tut. Die Lösung: Identifizieren Sie zunächst die Störung, machen Sie sich diese damit bewusst. Nur so kann sich das unternehmerische System von dieser Negativinformation befreien. Und indem Sie als Verantwortungsträgerin nicht mehr dem alten Muster folgen, was zur Störung führte, sondern Ihrer Befähigung als Chefin. Erfolgt dieser Prozess nicht, pflanzt sich die Störung weiter fort. In unserem Beispiel ernteten die Kinder, eine ältere Tochter und ein jüngerer Sohn, exakt die gleiche Störung. Er übernahm langsam das Geschäft, sie kämpfte um Anerkennung und rannte gegen Wände, trotz ihrer fachlich überragenden Arbeit.

Den Spieß umdrehen

An diesem Punkt kam die Unternehmerfamilie auf mich zu, um aus dieser Eskalationskurve zu finden. Denn zwischen den Geschlechtern krachte es mächtig, nur griff keiner das Problem auf. Es blieb bei Angriffen und Aggressionsentladungen. Dabei waren es die Frauen, die aggressive Attacken gegen die männliche Seite zeigten. Die Männer dagegen wirkten sanft, aber überfordert. Sie kamen kaum zu Wort und demonstrierten ihre schwere Bürde, die sie mit diesen Frauen zu tragen hatten.

Als ich sie mit ihrem Konflikt konfrontierte: „Die Frauen dürfen ackern, aber bitte nicht an die Spitze“, war schlagartig Ruhe, die einem Schock glich. Die Unternehmerfamilie hatte Jahrzehnte damit verbracht, unbewusst alte Muster zu leben und keinem fiel es auf – leider ein alltägliches Phänomen. Jedes System, sei es familiär oder unternehmerisch, wiederholt das stärkste Thema, was historisch gewachsen ist. Im Fall des Familienunternehmens war es die fehlende Anerkennung für die weibliche Seite und das Verweilen aller in der Opferrolle.

Aus alten Mustern austreten

Die Opfer- sowie Täterrolle verbindet sofort mit der negativen Seite im System. Dort leben die alten Geschichten und Muster, die nur unbewusst weitergegeben werden. Die Frauen zeterten, die Männer reagierten gequält – somit waren beide Seiten im Opfer. Wer einmal in der Opferposition war weiß, das bringt Wut und Wut macht Sie zum Täter. Liegt die Ursache so klar auf dem Tisch, funktionieren die nächsten entstörenden Schritte viel einfacher.

Wir Frauen haben eine historisch gewachsene Geschichte zu tragen, die uns mit Unterordnung, fehlender Gleichberechtigung und einem Minderwert konfrontiert. Diese Faktoren laufen immer mit. Je höher Ihr Rang ist, desto mehr schummelt Ihr Verstand Ihnen die alten Wertigkeitsprinzipien unter – sollten Sie sich diesen noch nicht bewusst sein. Die Geschichte von Unterordnung und Ohnmacht lebt in jeder von uns weiter, erkennbar an den Erlebnissen, die unsere Familie an die historische Unterdrückung bindet. Dieser Prozess geschieht solange, bis Sie sich dieser Geschichte bewusst werden und nicht mehr mitspielen. In der Falle sitzen Sie erst dann, wenn Sie ins Kämpfen gehen. Dann untermauern Sie mit Hilfe Ihres Verhaltens die Machtlosigkeit und auch die Wut, die sich hinter dieser Ungleichheit verbirgt.

Machen Sie sich Ihre historisch erlebte Unterdrückung bewusst

Aus alten Mustern finden Sie am besten mit Handlungen, die eine positive Konsequenz besitzen. Und weil förderliches Verhalten nicht mit alten Mustern einher geht, sollten Sie sich vor jeglichem Verhalten hüten, was Ihre Machtlosigkeit, Ihre Verzweiflung und Ihre Wut zeigt. Werden Sie sich vielmehr darüber bewusst, an welcher Stelle Ihr persönliches Verhalten dem Verhalten Ihrer Mutter ähnelt. Hier nämlich halten Sie unbewusst die historisch erlebte Unterdrückung der Frau in Ihrer familiären Historie durch Ihr Verhalten aufrecht.

Achten Sie darauf, nur in kleinsten Schritten Ihre nicht förderlichen Verhaltensweisen zu verändern, denn die alten Muster sind sehr mächtig und lassen keine großen Veränderungen zu. Daher sollten Sie diesen Prozess als einen Leadership-Prozess ansehen, der Ihnen die Führung langsam zurückgibt, die Ihrem familiären System einst verloren ging. Tun Sie es für Ihren Nachwuchs und Ihre Kräfte, denn eine einmal erkannte Störung ist nicht mehr wie gewohnt zu wiederholen.

 

Anke SommerAnke Sommer begleitet Unternehmer und Führungskräfte in Krisen- und veränderungsreichen Zeiten. Konflikte, die sich dem natürlichen Firmenwachstum und -erfolg entgegenstellen, deckt sie auf, findet Lösungen, bringt die Handlungsfähigkeit zurück. Ihr aktuelles Buch Schlachtfeld Arbeitsplatz ist ein praktischer Leitfaden, mit dem Konflikte schneller und einfacher selbst teilentstört werden können.

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