Bossing – wenn der Chef zum Feind wird

In 40 Prozent der Fällen von Mobbing ist der Chef der Auslöser – Gegenwehr gelingt meist nur mit starken Verbündeten.

Unsplash/ Milada Vigerova

In 40 Prozent der Fällen von Mobbing ist der Chef der Auslöser – Gegenwehr gelingt meist nur mit starken Verbündeten.

Fast die Hälfte aller Mobbingfälle geht auf Vorgesetzte zurück. Aber was tun, wenn der eigene Chef zum Peiniger wird?

Ein Gastbeitrag von Birgitta Wallmann

Ob im Job, in der Familie oder im Freundeskreis, wir erleben täglich, dass es Menschen gibt, die uns inspirieren, die uns gut tun und uns bereichern. In ihrer Nähe fühlen wir uns so wohl, dass wir Bäume ausreißen könnten. Aber es gibt auch die unangenehmen Zeitgenossen, die viel Kraft kosten, weil sie sich kaum von den Blutsaugern in den Blockbustern unterscheiden.

Sie benutzen zwar nicht ihre messerscharfen Zähne, dafür ziehen sie durch ihr Verhalten anderen nicht nur Lebensenergie ab, sondern verursachen auch enormen Stress. Gerade am Arbeitsplatz sind diese Energievampire meistens besonders lästig. Erst recht, wenn der eigene Chef zu den Peinigern gehört und seine Belegschaft mobbt. Das klingt absurd, ist aber keine Seltenheit. Laut einer Studie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin sind in 40 Prozent der Mobbingfälle die Vorgesetzten die Auslöser. Dieses Phänomen wird auch als Bossing“ bezeichnet.

Experten sprechen hier auch von „downward bullying.“ Also Schikane, die abseits einer etablierten Arbeitsethik von oben nach unten gerichtet ist. Das Ziel ist, den Mitarbeiter massiv unter Druck zu setzen. Ob Verleumdung, üble Nachrede, Schikane oder Ausgrenzung – gemeint sind alle Arten unfairer Attacken von Vorgesetzen, die einen systematischen Charakter haben. Dies geschieht häufig durch die Anordnung sinnloser oder überfordernder Tätigkeiten, unsachlicher Kritik, Entzug von Privilegien, z. B. Urlaubstagen oder Unterschlagung von Arbeitsergebnissen. Die Tricks, mit denen dabei gearbeitet wird, sind vielfältig, häufig steckt dahinter aber die Absicht, den Arbeitnehmer zu einer freiwilligen Kündigung zu bewegen. Böse Zungen behaupten deswegen auch, es handele sich lediglich nur um kostengünstigen Personalabbau.

Killerinstinkt erforderlich

Meistens liegen die Gründe für das Bossing aber in der Person des Vorgesetzten selbst. „Solche Zeitgenossen empfinden weniger Angst, Reue oder empathische Regungen wie Mitgefühl,“ sagt die Psychologin Dr. Bärbel Wardetzki aus München. So können also schon ein Quäntchen Skrupellosigkeit gepaart mit psychosozialen Defiziten, Auslöser für das Bossing sein. „Aber auch banalere Gründe wie Neid, Frust oder Langeweile sind häufig die Ursachen”, sagt Wardetzki.

Für die Opfer selbst sind die Folgen jedoch dramatisch und gesundheitlich schwerwiegend.

„Schlimmstenfalls kann Bossing sogar zu Depressionen, dauerhafter Arbeitsunfähigkeit oder Suizidgedanken führen”, sagt Judith Orloff, Psychiatriedozentin an der UCLA-University in Los Angeles. Erschwerend kommt hinzu, das die Aussicht sich juristisch erfolgreich zu wehren, gering ist. Einen expliziten Schutz gibt es nicht.

Ohne Verbündete gelingt die Gegenwehr kaum

Wer sich dennoch zutraut den Spieß umzudrehen, braucht allerdings starke Nerven und vertrauenswürdige Berater. Betriebsrat, Gewerkschaften, Gleichstellungsbeauftragte oder Rechtsanwälte bieten in solchen Fällen schnelle und professionelle Hilfe an. Denn nicht überall, wo Bossing draufsteht, ist auch Bossing drin. Und alleine Berge zu versetzen, wird nicht gelingen. Auch auf Verbündete im Kollegenkreis sollte man lieber nicht setzen. Die meisten befinden sich in einem Loyalitätskonflikt und haben deshalb Angst ihren Job zu verlieren.

Als grundsätzlich effektiv hat sich aber die Zusammenarbeit mit spezialisierten Anlaufstellen erwiesen. Denn Bossing-Opfer befinden sich rasant schnell in einem unheilvollen Hamsterrad der permanenten Rechtfertigung und Beschwerde. Richtigstellungen und Gespräche kosten Zeit, und der Konflikt wird damit in den seltensten Fällen gelöst. Von daher kann ein externes unabhängiges Team den Betroffenen viel gezielter unterstützen und geeignete Maßnahmen einleiten. Nicht selten stellen die Peiniger dann ihr Verhalten, schon allein aus Angst und Scham vor den Kollegen oder der Geschäftsleitung ein.

In vielen Fällen ist das Klima jedoch so vergiftet, dass es zu keiner Einigung kommt. Am Ende ist es dann meistens eine Frage der persönlichen Entscheidung, ob der Mitarbeiter freiwillig geht. Ob die Kapitulation dann als Niederlage gewertet wird, hängt dann allein von der Persönlichkeit des Betroffenen ab.

Schmerzensgeld möglich

Dennoch stehen die Chancen gut, dass die Attacken des Chefs strafrechtlich relevant sein könnten. z.B. Körperverletzung, Beleidigung. Verleumdung, etc. So gab es in der Vergangenheit immer wieder Urteile, (z. B. ArbG Siegen, 1 Ca 1310/12), die den Betroffenen, Schmerzensgeld oder Schadenersatz in beträchtlicher Höhe zugesprochen haben. In Einzelfällen sogar bis zu 30.000 Euro.

Über die Autorin: Birgitta Wallmann ist Juristin und arbeitet als freie Autorin.

Ein Kommentar

  1. Ganz extrem wird es, wenn da 2 sicher Chefinnen sind, Stichwort Mitarbeiter Überlassung! Ich habe meinen Traumjob deshalb gekündigt obwohl unbefristeter Arbeitsvertrag bestand, es haben sich keine Kollegen gefunden, die (aus Angst ) einen Betriebsrat gründen wollten! Das bei 150 Mitarbeitern in Deutschland

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