Boreout und die Sache mit der Langeweile

Wer sich im Job langweilt, kann ähnliche Symptome wie bei einer Erschöpfungsdepression zeigen.

Unsplash / Tyler Nix

Wer sich im Job langweilt, kann ähnliche Symptome wie bei einer Erschöpfungsdepression zeigen.

Ausgelaugt und unter Druck? Dann sind Sie vielleicht nicht ausgebrannt, sondern einfach nur gelangweilt. Und das könnte auch an der Digitalisierung liegen.

Ein Gastbeitrag von Birgitta Wallmann

Rosige Aussichten in Deutschland. Der Arbeitsmarkt entwickelt sich weiterhin positiv. Die Arbeitslosenquote ist so niedrig wie seit 25 Jahren nicht mehr. Läuft also in der deutschen Wirtschaft, könnte man meinen. Und es könnte ja auch wirklich alles so schön sein, wäre der Job doch für viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nicht immer so schrecklich langweilig. Das zumindest geht aus einer aktuellen Arbeitsmarktstudie der Personalberatung Robert Half hervor. Demnach ist ein Großteil der Angestellten bis zu acht Stunden pro Woche, also einen vollen Arbeitstag von ihren Aufgaben im Job gelangweilt. Und das aus unterschiedlichen Gründen.

Die einen fordert das Aufgabenprofil nicht, andere Gelangweilte beklagen zu viele oder einfach schlecht organisierte Meetings. Weit verbreitet ist auch das Problem der mangelnden Vielfalt innerhalb der eigenen Funktion. Aber auch die immer fortschreitende Digitalisierung in den Betrieben geht den Jobs mächtig an den Kragen. Inzwischen kommen immer mehr Roboter zum Einsatz und übernehmen quer durch die Hierarchien und Branchen schon viele Aufgaben.

Betroffen sind nicht nur Angestellte und BüroarbeiterInnen, sondern ganz besonders auch die in Produktionsbetrieben beschäftigen Handwerker und Industriearbeiterinnen: „Früher haben wir Autos gebaut, heute machen das Roboter für uns,“ sagt Heribert S., Bandarbeiter bei Opel. Es kann also sein, dass der Mitarbeiter zwar morgens seinen Dienst antritt, aber bis auf das Ein- und Ausschalten des Computers eigentlich keine weitere Tätigkeit mehr ausübt. So kann ein achtstündiger Arbeitstag quälend langweilig werden und zermürben. Inzwischen gehen Wissenschaftler davon aus, dass schon jeder zweite Arbeitnehmer im Unternehmen an Boreout-Symptomen leidet. „Denn auch eine dauerhafte Unterforderung im Job kann genauso schädlich sein, wie permanenter Stress und zu psychischen Beschwerden führen, die sich z.B. Depressionen, Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit oder anderem äußern und damit den Burnout-Symptomen sehr ähnlich sind, sagt der Frankfurter Psychotherapeut Werner Merkle. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich langweilen, empfinden häufig Druck, den sie sich selbst auferlegen.“ Denn vielfach versuchen die Betroffenen ihre Unterforderung zu vertuschen, was jedoch nach Einschätzung des Experten zu besonders starkem Stress führt. Außerdem stellen sich Resignation und Lethargie ein, wenn Anerkennung und Wertschätzung ausbleiben.

Jobkiller Digitalisierung?

„Bore Out“: früher mal eine bewährte Mobbingmethode, um unliebsame Mitarbeiter schnell los zu werden, heute eine Folge der Digitalisierung?

Und dabei sollte die moderne Technik dem Menschen den harten Arbeitsalltag eigentlich erleichtern und ihm mehr Freiraum und Muße für die angenehmen Dinge des Lebens eröffnen. So zumindest prophezeite es der Ökonom John Maynard Keynes 1930 in einem Essay über die „ökonomischen Möglichkeiten unserer Enkel.“ Ganz hellsichtige Geister wussten aber schon früher, was auf die Bürger der Moderne zukommen sollte. Schon William Shakespeare ließ im Jahre 1601 seinen Hamlet klagen, dass die Zeit aus den Fugen geraten sei.

Alles wird anders

Und rund vier Jahrhunderte später ist das keynsianische Mußeparadies zwar ausgeblieben, aber dennoch setzt sich der Siegeszug der künstlichen Intelligenzen und anderer Technologien unaufhaltsam fort. Eine technische Revolution, die viele Arbeitsplätze in Zukunft verschwinden lässt, aber nicht gleichzeitig genügend neue schafft. Im Gegenteil: Sie ersetzt die menschliche Arbeitskraft vollständig und meistens sogar noch besser. Dieser Ansicht sind zumindest nicht nur die Wissenschaftler der University of Oxford in ihrer aktuellen Studie „Future of Employment.“ Auch der Publizist und Philosoph Richard David Precht sagt: „Die Digitalisierung der Arbeitswelt wird auch in Deutschland Millionen Arbeitplätze kosten.“ Eine Herausforderung, der sich die Gesellschaft nicht einmal ansatzweise gestellt habe, solange in Punkto Arbeitsrecht von der Bundesregierung eine achtziger Jahre Politik betrieben werde. Streiks, Tarifverträge und betriebliche Mitbestimmung seien Schnee von gestern. „Wir dekorieren die Liegestühle und die Titanic geht unter,“ sagt Precht.

Nun haben die Politikerinnen und Politiker scheinbar gerade keine Zeit über die kommenden Veränderungen in der Arbeitswelt nachzudenken oder vielleicht fehlt dem ein oder anderen Parteichef oder Parteichefin einfach nur die Vorstellung darüber. Fakt ist dennoch, dass die digitale Revolution die Wertschöpfung und die Arbeitswelt dramatisch verändern werden. In vielen Branchen bleibt kein Stein auf dem anderen. Die lebenslange fixe Anstellung ist bald endgültig Geschichte, ja sogar Kollektivverträge, die Jahrzehntelang als Heiligtum galten, haben ihr Ablaufdatum erreicht. Deswegen müssen „Erwerbstätige selbst zu Regisseuren ihres Berufslebens werden,“ schreibt Johanna Zugmann in ihrem Buch Karriere neu denken: Ende, Wende, Neuanfang. Denn die Hände vor die Augen zu halten und die Schleife bis zum finalen Countdown, in einem Reservat mit russischen Dashcam-Videos oder unzähligen Facebookposts, einfach nur abzusitzen, kann schließlich keine Option sein.

Marke „EGO“ entwickeln

Mehr Abwechslung im Job liegt deshalb nicht nur allein in der Verantwortung der Chefinnen und Chefs. „Auch Arbeitnehmer können mit viel Selbstreflexion und entsprechenden Maßnahmen, z.B. den Chef nach verantwortungsvolleren Projekten fragen, selbst der akuten und dauerhaften Langeweile entgegentreten“, rät Thomas Hoffmann, Director North bei Robert Half. Wer aber seinen Arbeitsalltag als wenig auslastend empfindet und in Gefahr läuft, an Boreout zu erkranken, sollte, so Wolfgang Merkle, möglichst früh Initiative ergreifen und seinen Arbeitgeber auf die bestehenden Probleme ansprechen und eine gemeinsame Lösung finden. Eine Vollzeitstelle könne dann vielleicht auch zu einer Teilzeitstelle werden, rät der Experte. Dies könne zwar weniger Gehalt bedeuten, aber die Betroffenen seien im Büro wieder ausgelastet, und könnten die freie Zeit sinnvoll für erfüllende Hobbys nutzen, so Merkle.

Auch Tätigkeiten in sozialen Einrichtungen und Ehrenämter werden in Zukunft immer gefragter werden. Darüber sind sich viele Arbeitsforscher einig. Die Marke Ego entwickeln und die Arbeit nicht mehr als eigentlichen Lebensinhalt sehen, werde immer wichtiger. Da kann einem schon etwas mulmig werden. Dennoch haben viele Menschen gerade für diese Entwicklung über Jahrhunderte mühsam gekämpft. Statt materiellem Wohlstand mehr Freiheit und Selbstentfaltung! „Der Mensch wird langfristig von der entfremdeten Arbeit befreit sein, sagt Richard David Precht. Kaum Lohnarbeit, dafür bedingungsloses Grundeinkommen, vier Tage Woche und Selbstbestimmung für alle.“ So gesehen müsste etwa die Linkenpolitikerin Sahra Frau Wagenknecht doch quasi der größte Fan der Digitalisierung sein, oder nicht?

Über die Autorin: Birgitta Wallmann ist Juristin und arbeitet als freie Autorin.

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