Arbeitsintensivierung steigt

Die Arbeitslast hat der Studie zufolge zugenommen.

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Die Arbeitslast hat der Studie zufolge zugenommen.

Beschäftigte in Deutschland leiden zunehmend an Stress, weil die Arbeitsintensität zugenommen hat. Das stellt der neue DGB-Index Gute Arbeit fest.

Demnach nehmen 60 Prozent der befragten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in den vergangenen zwölf Monaten eine Verdichtung ihrer Arbeit wahr, zeigt die repräsentative Studie, die vom Deutschen GEwerkschaftsbund (DGB) seit 2007 jährlich durchgeführt wird. Die Betroffenen haben den Eindruck, dass von ihnen verlangt wird, in der gleichen Arbeitszeit eine höhere Arbeitsmenge zu bewältigen. Gut 53 Prozent der Befragten gaben an, dass sie sehr häufig oder oft bei der Arbeit gehetzt sind und ihre Aufgaben unter hohem Zeitdruck verrichten müssen. Mehr als 80 Prozent der über 6.000 Befragten sagten, dass es in ihren Jobs ein Missverhältnis von Menge und Zeit gebe, nur 19 Prozent sagten, dass Überlastung bei ihnen nicht vorkomme.

Am häufigsten kommt es der Untersuchung zufolge zu einer Arbeitsintensivierung, weil es Personalmangel gibt. Besonders betroffen sind dabei die Branchen Erziehung und Unterricht, Gastgewerbe und das Gesundheitswesen.

Das bleibt nicht ohne Folgen, denn die Zahl der Fehltage infolge von durch Stress verursachten Erkrankungen steigt. Dazu gehören vor allem psychische Erkrankungen. Die Zahl der Fehltage aufgrund psychischer Störungen ist von 2008 bis 2018 um 64 Prozent angestiegen. Nach den Muskel- und Skeletterkrankungen rangieren die psychischen Erkrankungen bei den Arbeitsunfähigkeitstagen mittlerweile an zweiter Stelle

Viele verzichten auf Pausen

Um auf Überforderung zu reagieren, gibt es in der Regel drei Stellschrauben: Man kann die schiere Masse der Arbeitsaufgaben reduzieren, man kann die Arbeitszeit erhöhen oder aber bei der Arbeitsqualität Abstriche machen. 57 Prozent aller Befragten sagten, dass sie im Job regelmäßig über ihre eigene Leistungsgrenze gehen müssten, die Hälfte der Befragten senkt die Qualität der Arbeitsleistung und fast jede und jeder Zweite (49 Prozent) verzichtet regelmäßig auf die vorgeschriebene Pause, um die vielfältigen Aufgaben schaffen zu können. 27 Prozent der Befragten gaben zudem an, dass sie unbezahlte Überstunden machten und immerhin jeder und jeder Fünfte erzählte, dass er oder sie zu Hause häufig noch weiterarbeiten.

Eine quantitative Überforderung – es stehen zu viele Aufgaben für die zur Verfügung stehende Zeit an – erlebt gut jeder und jede Vierte im Job. Auffällig dabei ist, dass der Anteil derjenigen, die zu viel Arbeitsmenge ausgesetzt sind, vor allem in akademischen Jobs mit hochkomplexen Tätigkeiten hoch ist. Mehr als ein Drittel der Befragten (35 Prozent), die in IT-und naturwissenschaftlichen Dienstleistungsberufen arbeiten, kämpfen mit einer zu großen Arbeitsmenge. Hier kommt es oft wegen einer indirekten Leistungssteuerung zu einer Arbeitsintensivierung: Fast drei Viertel der befragten Beschäftigten berichten, dass oft langfristige Zielvereinbarungen geschlossen würden. Das schränkt jedoch auch die Flexibilität ein und führt anscheinend dazu, dass die Beschäftigten häufiger Erholungspausen ausfallen lassen.

Die hohe Arbeitslast wirkt sich langfristig auf die Gesundheit aus: 58 Prozent derjenigen, die regelmäßig zu viel Arbeit haben, fühlen sich leer und ausgebrannt, mehr als jeder Zweite kann abends nicht mehr abschalten. Dagegen berichtet nur ein Drittel aller anderen Beschäftigten von diesen Stressauswirkungen auf die Gesundheit. Diese Zahl ist seit vielen Jahren konstant hoch. Den eigenen Gesundheitszustand schätzen aber nur 13 Prozent als schlecht oder sehr schlecht ein. Hier ist der Blick auf das Alter und das Qualifikationsniveau interessant: Mit zunehmenden Alter schätzen die Beschäftigten ihre Gesundheit als schlechter und sich selbst als weniger belastbar ein.  Bei den über 55-Jährigen halten sich nur knapp unter 50 Prozent der Befragten für fit.

Akademikerinnen und Akademiker fühlen sich fitter

Besonders schlechte Gesundheitswerte geben sich Menschen, die in Helfertätigkeiten oder als Angelernte arbeiten. Selbst bei den Jüngeren in solchen niedrig qualifizierten Jobs sagen viele, dass ihr Gesundheitszustand nicht gut sei – viele machen dabei die Arbeitsbedingungen mitverantwortlich. Bei Menschen, die im Reinigungsgewerbe tätig sind, gibt nur jeder und jede Dritte ein, keine gesundheitlichen Beeinträchtigungen zu haben, bei Personen, die in Sicherheitsberufen arbeiten, sind es nur 44 Prozent. Dagegen sagen auch sehr viele über 55-Jährige, die in akademischen Berufen arbeiten, dass sie einen guten Gesundheitszustand hätten.

Und auch hier zeigt sich der Zusammenhang zwischen einer beschriebenen regelmäßigen Überlastung im Job und einem schlechten Gesundheitszustand: Wenn die Arbeitsmenge häufig nicht zu bewältigen ist, schätzen sich nur 45 Prozent der Befragten als gesund ein, dagegen sind es Zwei Drittel der Befragten, die nicht ständig einer Überforderung ausgesetzt sind.

Wer aber zu viel Arbeit hat, neigt auch häufiger dazu, trotz Krankheit zur Arbeit zu gehen. Das wird als Präsentismus bezeichnet. Auch hierzu liefert der DGB-Index neue Daten: Zwei Drittel der Befragten gaben an, dass sie gearbeitet hätten, obwohl sie sich richtig krank gefühlt hätten. Bei denjenigen, die häufig zu viel Arbeit haben, sind es sogar 76 Prozent. Ein Viertel der Befragten gab sogar an, an mehr als 15 Tagen trotz Krankheit gearbeitet zu haben, gut ein weiteres Fünftel sagt, dass es an zehn bis 14 Tagen vorgekommen sei. Das hat jedoch Folgen: Auch wenn es sich häufig “nur” um einen grippalen Infekt handelt, kurieren sich Beschäftigte nicht richtig aus. Das Risiko ist groß, dass Infekte verschleppt werden. Und sie stecken ihre Kolleginnen und Kollegen an. In Betrieben mit hoher Arbeitslast und Arbeitsintensität entsteht durch viel Präsentismus außerdem eine bestimmte Kultur, in der die Mitarbeitenden den Eindruck haben, sie müssten zur Arbeit kommen, auch wenn sie krank sind – selbst wenn die Führungskräfte nie eine solche Erwartung kommuniziert haben. Mitunter ergibt sich auch eine Spirale: Chronisch überlastete Mitarbeiter werden häufiger krank. Weil ihr Ausfall aber noch mehr Arbeit für die Kollegenschaft bedeuten würde, schleppen sie sich krank zur Arbeit – und werden alsbald wieder krank. Irgendwann arbeiten sie auch dann krank aus Angst vor weiteren Fehltagen. Kommen dann noch prekäre Beschäftigungsverhältnisse durch befristete Verträge hinzu, lastet weiterer Druck auf den Betroffenen. Der Stress kann schließlich so enorm werden, dass Schlafstörungen, nicht abschalten können, sich ständig gedanklich um die Arbeit kreisen zum Dauerzustand werden. Am Ende können Menschen dann zum Beispiel an einem Burn-out erkranken.

Viele glauben, nicht bis zur Rente durchzuhalten

Und so erstaunt es nicht, dass 40 Prozent der befragten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer davon ausgehen, nicht das gesetzliche REnteneintrittsalter erreichen zu können. Jedoch gibt immerhin jeder und jede Zweite an, dass sie dies für wahrscheinlich hält. Während es bei allen anderen Fragen keine Abweichungen zwischen Männern und Frauen gibt, zeigt sich hier ein minimaler Unterschied: Die Frauen sind etwas skeptischer, ob sie bis 67 Jahre durchhalten werden. Ein wesentlicher Unterschied zeigt sich auch beim Qualifikationsniveau: Wer in schlecht bezahlten und körperlich anstrengenden Berufen arbeitet und zudem eher einer Helfer- oder Anlerntätigkeit nachgeht, ist eher davon überzeugt, nicht bis zur Rente durchzuhalten. In Gesundheitsberufen wie in der Pflege sagt nur jede und jeder Dritte, dass dies unter Umständen möglich scheint, im Gastgewerbe sind es 37 Prozent der Befragten, auf dem Bau 38 Prozent. Der DGB fordert daher, über ein flexibles Renteneintrittsalter nachzudenken, sodass mehr Menschen, die in belastenden Berufen tätig sind, ohne Abstriche bei den Altersbezügen bis zur Rente arbeiten können.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass Mitsprache und die Möglichkeit, die Arbeit und Arbeitsbedingungen zu gestalten, für viele entlastend sind. Beschäftigte, die weder über eine Mitarbeitervertreter noch individuell Möglichkeiten zu Mitsprache der Arbeitsgestaltung haben, sind belasteter als Beschäftigte, die Handlungsspielräume haben. Diese sind aber wichtig, um etwa auf unvorhersehbare Störungen im Betriebsablauf – wie Personalausfälle oder Planungsänderungen – reagieren zu können. Hier stellt die Studie fest, dass viele Arbeitgeber einen entsprechenden Puffer einplanen: Die Hälfte aller Befragten gibt an, dass ausreichend Flexibilitätsreserven in der Arbeitsorganisation existieren. Aber für die andere Hälfte wirken sich nicht vorhersehbare Störungen direkt als Belastung aus.

“Viele Arbeitgeber vernachlässigen ihre gesetzliche Pflicht, eine menschengerechte Gestaltung der Arbeit zu gewährleisten”, kritisiert DGB-Vorsitzender Reiner Hoffmann. Zwar könne mit Gefährdungsbeurteilungen mehr für den Arbeits- und Gesundheitsschutz getan werden, aber in der Mehrheit der Betrieben werde dieses Instrument gar nicht oder nur unzureichend angewendet. Der DGB fordert daher eine “Modernisierung des rechtlichen Rahmens”, so Hoffmann. Ein Vorschlag ist eine Anti-Stress-Verordnung. Nur wenn der aktuelle Stand der arbeitswissenschaftlichen Erkenntnisse zu psychischen Gefährdungen berücksichtigt werde, können auch Prävention frühzeitig erfolgen.

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